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Kein Kind ist eine Insel

Ich erinnere mich, vor zwei oder drei Jahren hatten wir ein Mädchen bei uns, brillante Schülerin, aber plötzlich schwer depressiv, Ängste, Schlafstörungen, Gewichtsabnahme. Natürlich zuerst einmal körperlich durchgecheckt, dann einige Sitzungen mit unserer Psychologin – niemand wusste so richtig, was ihr eigentlich fehlt.

Also hab ich sie abends mal zu mir ins Haus eingeladen und offenbar die richtigen Fragen gestellt. Jedenfalls brach es aus ihr heraus. Sie fühlte sich so schuldig, so furchtbar schuldig. Sie hätte hier ein gutes Leben, ein Bett, genug zu essen, alle Schulgebühren bezahlt, der Sponsor sorgte sogar regelmäßig für Schuluniformen und Schuhe. Und gleichzeitig wüsste sie und würde es in allen Ferien erfahren, dass ihre Geschwister gerade wieder mal wegen Rückständen nach Hause geschickt wurden, dass Hunger der Küchenmeister zuhause war. Mich hat das damals getroffen wie ein Blitz und ich hab mir geschworen, irgendwann mal ganze Familien. In diesem einzelnen Fall konnten wir ein wenig die Familie unterstützen, aber eben ein Einzelfall.

Immer wieder mal fragen seither unsere Kinder, ob ich nicht auch mal der Schwester, dem Bruder helfen könne. Und ja, immer mal wieder mache ich das auch. Privat.

Aber seit ich das Konzept, das ich seit 2022 in der Schublade habe, in Rabai umsetze, nämlich die gesamte Familie zu „empowern“ – Papa, Mama, alle Kinder – und sehe, wie gut das allen tut, wie die Familie als Familie zusammenwächst, wie die Geschwister erleichtert sind, wie Väter auch ihre Chance ergreifen, wenn man sie ihnen gibt, seither möchte ich das gern zum neuen Maßstab machen. Denn Harambee soll anders sein.

Wie können wir von Vätern erwarten, Verantwortung zu übernehmen, wenn wir ihnen keinerlei Möglichkeit geben? Nein, sie können nichts dafür, dass sie die Schule abbrechen mussten. Die Mütter können nichts dafür, dass sie nie eine besuchen durften. Das alles haben andere entschieden plus die Umstände, als sie selbst noch Kinder waren.

Als ich vor drei Wochen den ersten 6 Vätern in Rabai gesagt habe, ihr seid dabei, ihr seid die ersten, die das von uns bekommen – hier mal ein Führerschein-Upgrade auf LKW, hier die lange fälligen Gebühren, damit man sich das Zeugnis der Berufsschule holen kann, hier eine einjährige Ausbildung, hab ich dazu den Satz gesagt:

„Das ist kein Geschenk allein. Wenn es euch beruflich hilft und ihr damit Geld verdient, nie wieder bei mir anklopfen wegen einer Schuluniform oder einem Paar Schuhe.“

Alle reden immer von Hilfe zur Selbsthilfe, trotzdem wollen viele nur die kleinen niedlichen Kinder. Das ist vollkommen in Ordnung. Ganz deutlich, ich kann auch das wirklich und ehrlich nachempfinden und danke dafür sehr, sehr herzlich.

Aber ich kann es zunehmend nicht mehr mit ansehen, wie das eine gesponserte Kind alles bekommt und sorgenfrei aufwächst, und gleichzeitig stehen bei den Familienbesuchen die Geschwister daneben, ja, sie freuen sich für den kleinen Bruder, die kleine Schwester. Aber gleichzeitig fragen sie sich doch – und warum werde ich vergessen? Was ist falsch an mir? Warum ich nicht auch?

Und auch klar – wenn wir nur das eine Kind durch die Schule bringen und durch die Uni oder College, dann lastet auf diesem Kind viel Verantwortung, wird doch dann erwartet, die Geschwister, die vielleicht die Schule verlassen mussten, und deren Kinder zu unterstützen.

Und ich bin sehr froh und dankbar, dass das neue Konzept so gut ankommt, dass es so viele Menschen begeistert mittragen. Und nochmals – niemand muss. Aber inzwischen sehe ich, viele wollen.

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