Wem helfen wir – und wer wartet noch?
In den letzten Wochen sind uns bei Familienbesuchen hier in Kenia leider wieder Kinder begegnet, die noch nie eine Schule besucht haben. Also nicht irgendwann begonnen und dann wegen fehlender Gebühren wieder aufgehört. Sondern überhaupt nie angefangen. Während wir uns über Schulabschlüsse freuen und mit unseren jungen Erwachsenen über ihre berufliche Zukunft sprechen, lebt manchmal direkt in der Nachbarhütte ein Kind, das noch keinen einzigen Schultag erlebt hat.
Das zeigt, warum wir immer wieder genau überlegen müssen, wen wir unterstützen und wie wir unsere Hilfe verteilen. Es soll nicht immer nur dieselbe Großfamilie profitieren, während direkt daneben Menschen leben, die ebenso dringend Hilfe brauchen.
Dieses genaue Hinschauen hat Gabriela Vonwald zum Grundprinzip von Harambee gemacht. Die Menschen kennenlernen, zuhören, nachfragen und gemeinsam nach Lösungen suchen, die zu ihrer Lebenssituation passen – Gabi selbst sagt ja, es fehle ihr das „Wegschau-Gen“. Ich sage, sie hat eine besondere Gabe, wirklich hinzuschauen. Diesen lösungsorientierten Blick habe ich von Gabi gelernt und lerne noch immer dazu. Umso mehr freue ich mich, dass wir nächstes Jahr wieder einmal zu zweit hier in Kenia sein werden und ich ihr über die Schulter schauen und weiterlernen darf. Das ist eben der große Vorteil, wenn man Assistentin der eigenen Mentorin ist.
Oft sind wir für die Menschen hier in Kenia die Ersten, die hinschauen und nachfragen. Und mit allem, was wir ganz konkret tun, bringen wir deshalb auch Hoffnung. Dieses Gefühl: Ja, ich werde gesehen! Meine Situation ist jemandem wichtig. Die Hilfe bekommt ein Gesicht, weil da echte Menschen sind, die zuhören, wiederkommen und sich kümmern. In der Vergangenheit war das vor allem Gabriela Vonwald – „Mama Gabi“ – oder natürlich unsere Sozialarbeiterinnen. Aber auch ich werde mittlerweile immer öfter (wieder-)erkannt und mit Namen begrüßt. Wir sind eben keine anonyme Organisation und zu einer solchen hätten die Menschen hier auch keinerlei Vertrauen.
Einerseits wollen wir die Familien, aus denen wir bereits Kinder im Projekt haben, möglichst gut unterstützen. Da sind Geschwister, die ebenfalls zur Schule gehen möchten. Da ist vielleicht eine Mutter, ein Vater oder ein älteres Geschwisterkind, dem wir mit einem kleinen Geschäftsstart helfen können, selbst Geld zu verdienen. Wenn das gelingt, verbessert sich die Situation einer ganzen Familie. Auch für das Kind, das wir bereits begleiten, macht es einen großen Unterschied, ob zu Hause etwas mehr Sicherheit entsteht.
Andererseits sollen Familien eine Chance bekommen, die bisher noch niemanden bei uns im Projekt haben. Bei der Aufnahme in unsere neuen Vorschulklassen achten wir deshalb gezielt darauf. Wir wollen weitere Familien erreichen und gleichzeitig die Menschen verlässlich begleiten, für die wir bereits Verantwortung übernommen haben.
Dieser Gedanke zieht sich durch unsere gesamte Arbeit: von den jüngsten Kindern bis zu alten Menschen, von Rabai bis Langobaya, von Schulbildung über Wasserversorgung bis zur Landwirtschaft. Auch deshalb unterstützen wir neben unseren beiden eigenen Schulen Partnerschulen und helfen an Schulen, an denen gar keine Patenkinder von uns sind. In Mambosasa zum Beispiel mit Porridge, Heften oder Schulbänken. Auch diese Kinder sollen etwas davon haben, dass es uns gibt.
Es wäre oft einfacher, starre Regeln zu haben. Eine bestimmte Zahl an Kindern pro Familie, eine bestimmte Dauer der Unterstützung, fertig. Ja, natürlich gibt es ein paar Grundsätze, nur halten sich die Lebensgeschichten leider nicht an solche Regeln. Also müssen wir hinschauen, nachfragen und immer wieder neu entscheiden, so schwierig das auch ist. Fairness bedeutet nämlich, unterschiedliche Lebenssituationen zu berücksichtigen. Manchmal braucht eine Familie gerade mehr Unterstützung, damit sie überhaupt wieder weiterkommt.
Unsere Mittel sind begrenzt, deshalb müssen wir immer wieder abwägen. Eine konkrete Aufgabe hat für uns jetzt aber oberste Priorität: Alle neuen Kinder in der Babyklasse und den Vorschulklassen unserer beiden Schulen brauchen Paten. Unsere Schulen sind das Herzstück von Harambee. Wer hier einen Platz bekommt, soll sich darauf verlassen können, dass wir ihn auf seinem gesamten Bildungsweg begleiten.
Wir stellen unsere neuen Kleinen ab sofort über Facebook, Instagram und auf unserer Seite „Kinder suchen Paten“ vor. Hinter jedem Foto steckt eine Familie, eine Geschichte und ein Weg, der gerade erst beginnt. Vielleicht ist ja ein Kind dabei, das du begleiten möchtest.
Sarah Eidler




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