In den letzten Wochen sind uns bei Familienbesuchen hier in Kenia leider wieder Kinder begegnet, die noch nie eine Schule besucht haben. Also nicht irgendwann begonnen und dann wegen fehlender Gebühren wieder aufgehört. Sondern überhaupt nie angefangen. Während wir uns über Schulabschlüsse freuen und mit unseren jungen Erwachsenen über ihre berufliche Zukunft sprechen, lebt manchmal direkt in der Nachbarhütte ein Kind, das noch keinen einzigen Schultag erlebt hat.

Das zeigt, warum wir immer wieder genau überlegen müssen, wen wir unterstützen und wie wir unsere Hilfe verteilen. Es soll nicht immer nur dieselbe Großfamilie profitieren, während direkt daneben Menschen leben, die ebenso dringend Hilfe brauchen.

Dieses genaue Hinschauen hat Gabriela Vonwald zum Grundprinzip von Harambee gemacht. Die Menschen kennenlernen, zuhören, nachfragen und gemeinsam nach Lösungen suchen, die zu ihrer Lebenssituation passen – Gabi selbst sagt ja, es fehle ihr das „Wegschau-Gen“. Ich sage, sie hat eine besondere Gabe, wirklich hinzuschauen. Diesen lösungsorientierten Blick habe ich von Gabi gelernt und lerne noch immer dazu. Umso mehr freue ich mich, dass wir nächstes Jahr wieder einmal zu zweit hier in Kenia sein werden und ich ihr über die Schulter schauen und weiterlernen darf. Das ist eben der große Vorteil, wenn man Assistentin der eigenen Mentorin ist.

Oft sind wir für die Menschen hier in Kenia die Ersten, die hinschauen und nachfragen. Und mit allem, was wir ganz konkret tun, bringen wir deshalb auch Hoffnung. Dieses Gefühl: Ja, ich werde gesehen! Meine Situation ist jemandem wichtig. Die Hilfe bekommt ein Gesicht, weil da echte Menschen sind, die zuhören, wiederkommen und sich kümmern. In der Vergangenheit war das vor allem Gabriela Vonwald – „Mama Gabi“ – oder natürlich unsere Sozialarbeiterinnen. Aber auch ich werde mittlerweile immer öfter (wieder-)erkannt und mit Namen begrüßt. Wir sind eben keine anonyme Organisation und zu einer solchen hätten die Menschen hier auch keinerlei Vertrauen.

Einerseits wollen wir die Familien, aus denen wir bereits Kinder im Projekt haben, möglichst gut unterstützen. Da sind Geschwister, die ebenfalls zur Schule gehen möchten. Da ist vielleicht eine Mutter, ein Vater oder ein älteres Geschwisterkind, dem wir mit einem kleinen Geschäftsstart helfen können, selbst Geld zu verdienen. Wenn das gelingt, verbessert sich die Situation einer ganzen Familie. Auch für das Kind, das wir bereits begleiten, macht es einen großen Unterschied, ob zu Hause etwas mehr Sicherheit entsteht.

Andererseits sollen Familien eine Chance bekommen, die bisher noch niemanden bei uns im Projekt haben. Bei der Aufnahme in unsere neuen Vorschulklassen achten wir deshalb gezielt darauf. Wir wollen weitere Familien erreichen und gleichzeitig die Menschen verlässlich begleiten, für die wir bereits Verantwortung übernommen haben.

Dieser Gedanke zieht sich durch unsere gesamte Arbeit: von den jüngsten Kindern bis zu alten Menschen, von Rabai bis Langobaya, von Schulbildung über Wasserversorgung bis zur Landwirtschaft. Auch deshalb unterstützen wir neben unseren beiden eigenen Schulen Partnerschulen und helfen an Schulen, an denen gar keine Patenkinder von uns sind. In Mambosasa zum Beispiel mit Porridge, Heften oder Schulbänken. Auch diese Kinder sollen etwas davon haben, dass es uns gibt.

Es wäre oft einfacher, starre Regeln zu haben. Eine bestimmte Zahl an Kindern pro Familie, eine bestimmte Dauer der Unterstützung, fertig. Ja, natürlich gibt es ein paar Grundsätze, nur halten sich die Lebensgeschichten leider nicht an solche Regeln. Also müssen wir hinschauen, nachfragen und immer wieder neu entscheiden, so schwierig das auch ist. Fairness bedeutet nämlich, unterschiedliche Lebenssituationen zu berücksichtigen. Manchmal braucht eine Familie gerade mehr Unterstützung, damit sie überhaupt wieder weiterkommt.

Unsere Mittel sind begrenzt, deshalb müssen wir immer wieder abwägen. Eine konkrete Aufgabe hat für uns jetzt aber oberste Priorität: Alle neuen Kinder in der Babyklasse und den Vorschulklassen unserer beiden Schulen brauchen Paten. Unsere Schulen sind das Herzstück von Harambee. Wer hier einen Platz bekommt, soll sich darauf verlassen können, dass wir ihn auf seinem gesamten Bildungsweg begleiten.

Wir stellen unsere neuen Kleinen ab sofort über Facebook, Instagram und auf unserer Seite „Kinder suchen Paten“ vor. Hinter jedem Foto steckt eine Familie, eine Geschichte und ein Weg, der gerade erst beginnt. Vielleicht ist ja ein Kind dabei, das du begleiten möchtest.

Sarah Eidler

 

 

Einige haben schon gefragt und ja, bald geht es los. Wir beginnen behutsam mit der Auswahl der Kinder für die PP1 und Babyklassen 2027.

Und viele interessiert, wie wir das denn machen, also, wie wählen wir aus, wie „finden“ wir die Familien, gibt es da einen bestimmten Tag und – wie viele nehmen wir?

Also zunächst einmal – nein, es gibt keinen bestimmten Tag. Wir alle halten es für ziemlich entwürdigend, 100 Familien oder mehr an einem Tag oder auch nur innerhalb weniger Tage wie Bittsteller aufmarschieren zu lassen, ihnen einen ganzen Tag ihrer Zeit zu stehlen und zu zeigen, wie mächtig wir sind. Also, ein Casting gibt es nicht.

Die Familien bringen die Geburtsurkunde ins Büro. Zu den ganz normalen Öffnungszeiten. Nicht als Bittsteller, sondern als Kunden, die um einen Platz in der Schule ansuchen. Dafür gibt es eine Frist bis zum…Das wird so ausgeschrieben und man sagt sich das weiter oder man kann es im Büro erfragen. Dazu die Adresse und gleich – wie weit ist das von der Schule oder von unseren Schulbussammelstellen entfernt, kann das Kind zu Fuß gehen.

Diese Geburtsurkunden werden dann gesichtet. Passt das Kind vom Alter her. Also für PP1 nicht älter als 4,5 und nicht jünger als knapp 4. Für Babyklassen zwischen 2,5 und 3 Jahren, lieber 3 als jünger.

Ja, und dann schwärmen alle unsere Sozialarbeiterinnen aus. Also, nicht die Familien kommen zu uns, sondern wir kommen zu den Familien.

Und da wird geschaut, wie viele Kinder gibt es in der Familie, unterstützen wir schon wen, gibt es beide Eltern, gibt es Kinder mit Behinderungen oder andere Härtefälle, wie groß ist die Armut, werden die Eltern wenigstens Schuluniformen schaffen, Hefte und die erforderlichen kleinen Beiträge zu den Ausflügen usw. Wir schauen auch auf die Kinderzahl, wie sind die älteren Geschwister versorgt, gibt es Große, die gerade in der Highschool sind oder im College und daher alles Geld der Familie blockieren? Hier helfen wir eher, als wenn es nur zwei Kinder gibt im Volksschulalter und beide Eltern kleine Jobs haben. Wie ist generell die Einstellung der Eltern zu Schule und zum Lernen, werden sie zu den Elternmeetings kommen und aktiv ihr Kind unterstützen. Und natürlich werden Fotos gemacht.

Für muslimische Kinder kommt dazu unsere Regel, Kopftuch erst ab 14 und beim Sport gar keines, das Kind nimmt an allen Sportarten teil.

Und wir legen klarerweise gleich zu Beginn fest, wie viele nehmen wir denn auf. Und hier sind wir eher anfangs restriktiv und sagen – mal in jeder der beiden Schulen nur 20. Unsere Erfahrung sagt, mehr werden es immer noch durch Härtefälle im Laufe des ersten Trimesters. Manchmal brauchen Kinder dringend Hilfe, nicht nur in PP1. Wenn wir aber jetzt schon alles vollstopfen – wir sind eine Schule, die bis zur Matura/Abitur läuft. Was, wenn wir in den höheren Klassen Notfälle einbuchen müssen? Dann sind wir irgendwann bei 40 oder 50 Kindern pro Klasse. Wir lassen uns also Reserven. Und es sollen ja auch alle Kinder Paten finden.

Und Babyklasse, da wollen wir wirklich nur sehr viel weniger Kinder, meine Vorstellung derzeit liegt bei 16 mit zwei Betreuer/innen, ich bin aber auch bei 14 nicht unglücklich. Wir müssen mit den Kleinen nicht Geld verdienen. Ich halte es für absoluten Wahnsinn, 30 3jährige zusammen zu pferchen, egal wie schön die Schule ist oder wie groß das Klassenzimmer. Nicht einmal mit 3 Betreuungskräften gefällt mir das, denn den ganzen Tag permanent mit so vielen anderen Kindern zusammen sein, ich glaube ganz bestimmt, dass das maximalen Stress erzeugt. Außerdem geht es ja bei Babyclass nicht unbedingt und zwingend im darauffolgenden Jahr in die PP1 weiter. Manchmal, wenn es vom Alter passt, bleibt ein Kind ein weiteres Jahr dort, vielleicht, weil es noch Defizite hat. Bei 30 Kindern wäre das auch für uns zu viel interner Stress.

Wenn dann eine Vorauswahl gemacht wurde, ja, dann bekomme ich es auf meinen Tisch. Lieber wäre mir, ich wäre vor Ort, aber inzwischen hab ich glaube ich, ein gutes Gespür. Und dann sitze ich und meditiere über jedem Kind, halte nochmals Rücksprache, schicke vielleicht noch einmal wen zur Familie.

Manchmal sieht die Entscheidung dann auch so aus – zu uns nicht, aber in die Hope und wir zahlen die Schulgebühr. Oder nach Old Ferry oder irgendeine andere öffentliche Schule und in ein paar Jahren schauen wir dann.

Warum diese letzte Entscheidung bei mir liegt (oder uns, denn auch Sarah wird da mitentscheiden) und nicht in Kenia? Natürlich können die das. Aber – die müssen dort leben, sind vielleicht mit wem befreundet oder verwandt. Sind benachbart.  Die Versuchung ist groß und auch der Vorwurf, warum hast du nicht mich genommen, wir kennen uns doch schon seit der Schulzeit. So können alle sagen, letzte Entscheidung wird in Europa getroffen.

Und der letzte Schritt? Beten und hoffen, dass alle meine Kleinen ganz schnell Paten finden.

Gabriela Vonwald

 

 

Oder auch – nichts ist so beständig wie der Wandel.

Und ja, bei uns ändert sich im kommenden Jahr etwas wesentlich. Und ja, ich habe lange Zeit gesagt, nein, machen wir nicht. Aber – ich lasse mich auch überzeugen. Ich beobachte, diskutiere in Kenia mit vielen unterschiedlichen Menschen, wäge ab und erkenne, wenn ich vielleicht Dinge zu eng sehe, auf dem Holzweg bin. Oder auch, wenn sich Strukturen geändert haben, es einen demographischen Wandel gibt.

Und zu diesen Änderungen gibt es auch eine eigene Podcast Folge und einen Newsletter (hier aber stark gekürzt).

Es wird im neuen Jahr eine Babyclass geben. Also 2-4jährige.

Ja, ich war dagegen, weil ich es als Mama sehe und mir immer denke, sollten Kinder nicht, wenn sie so klein sind, daheimbleiben. Mit ihrer Mama, Papa, Oma? Und ja, in Kenia gibt es doch Großfamilien, oder? Hört man doch immer.

Aber – ich muss einfach eingestehen, Familien wie die von meinem lieben Karani sind zunehmend eine Seltenheit. Viel häufiger findet man heute die Kleinfamilie wie bei uns oder alleinerziehende Mütter. Keine Oma, Tante, Schwägerin mehr. Manchmal findet sich eine ältere Tochter, die aber dann schulisch darunter leidet, weil sie auf jüngere Geschwister aufpassen muss. Denn Mütter müssen arbeiten, sonst verhungern sie und die Kinder. Familien zerbröseln wie überall.

Und ein weiterer Grund, warum ich mich gewehrt hatte – sollten einige Erziehungsmaßnahmen nicht in der Familie bleiben? Ich weiß, der sozialistische Traum bzw. für mich auch immer der Traum von autoritären Systemen – Kinder früh weg vom Einfluss des Elternhauses. Ist doch so, oder? Aber dann kamen immer wieder Lehrer und baten um eine Klasse vor der eigentlichen Klasse. Denn PP1 ist schulisch. Da gibt es einen Lehrplan. Und immer wieder hörte ich – wir verbringen allein das erste halbe Jahr nur damit, Kindern Hände waschen beizubringen, eine Toilette zu benutzen und nicht neben den Klassenraum zu pinkeln, sitzen bleiben, halbwegs vernünftig zu essen.

Und es stimmt. Wenn das Elternhaus etwas nicht leisten kann, was aber im Leben gefordert wird, dann haben wir als Schule die Pflicht, die Bürde, das Vergnügen. Und wenn man Kinder in Ruhe wachsen lassen will, benötigt man dazu ein Jahr, indem sie das dürfen, indem noch keine weiteren schulischen Anforderungen auf sie einprasseln.

Und vor allem bei uns heißt dies ja auch – die Wahl zwischen andere Kinder zum Spielen, schöne Spielsachen, etwas zum Essen oder – niemand kümmert sich, die Nachbarin schaut mal vorbei, man wird einfach im Schatten geparkt, kein Essen, keine Spielsachen, keine Förderung. In Kenia wird selbst in gebildeten Familien nicht vorgelesen oder Lego gespielt.

Also Babyclass oder auch Daycare, wie es so heißt. Wir werden maximal 16 Kinder nehmen, dazu 2 Betreuerinnen, speziell ausgebildet, also ein Betreuungsschlüssel besser als hier bei uns. Und richten dazu jetzt einen Raum sehr liebevoll her, farbig, kuschelig, Sarah und ich kaufen schon wie verrückt Dinge ein, alle freuen sich. Denn wenn schon, dann wird es die schönste und am besten betreute Kleinstkindergruppe in ganz Kilifi County, wenn nicht an der Küste. Und ich denke, um Paten braucht man sich bei 2-3jährigen auch wenig Sorgen machen.

Derzeit wird es die Babyclass nur in der Vonwald 1 geben, aber wer weiß, vielleicht 2028 dann Tezo auch.

 

Viele, oder vielleicht sogar die meisten, unserer Paten und Patinnen nehmen ihre Patenschaft auch als eine Art Verantwortung für einen jungen Menschen sehr ernst. Wir haben sogar ältere Paten, von denen ich weiß, dass sie im Testament dafür gesorgt haben, dass „ihre“ Kinder die Schule oder Uni abschließen können.

Dies ist bei uns ja auch wirklich so, weil eben jedes Kind nur diesen einen Paten, diese eine Patin hat. Nicht wie in großen Organisationen – das Kind ist die Werbebotschaft, ja, es existiert, aber pro Kind gibt es viele, viele, sehr viele Paten. Keine Behauptung, steht bei allen diesen Organisationen im Kleingedruckten.

Aber wie das eben mit Verantwortung so ist, sie kann auch ein wenig belasten, vor allem finanziell.

Daher finde ich das Modell der Teilpatenschaft so großartig. Vor allem die größeren Kinder haben fast alle zwei Paten, denn es kostet wesentlich mehr im Monat (60,- statt 30 Euro) und das ist mehr als viele stemmen können.

Und es hat noch einen weiteren Vorteil. Wenn mal Extras gebraucht werden, neue Schuluniform, Schuhe, Zirkel, Taschenrechner oder sogar ein Bett, vor allem aber, wenn es dann an Uni oder College geht, kann man sich all das teilen.

Ist für mich ein wenig wie alleinerziehend oder mit Partner.

Selbstverständlich freuen wir uns auch über Vollpaten, wer das möchte, aber derzeit haben wir so so viele Kinder, die nur halb abgedeckt sind. Hier könnte man einspringen und sich dabei eben die Verantwortung teilen.

 

 

Gerade haben wir einen kleinen Film aus Kenia bekommen (zu sehen auf unserer offenen Facebook-Seite „Harambee“) mit Ausschnitten von Familienbesuchen. Vielleicht auch, weil sich das Jahr dem Ende zuneigt, hat mich das sofort zurückversetzt in so viele Szenen, die ich bei solchen Besuchen mittlerweile erleben durfte. Ich denke, für die Patinnen und Paten der Kinder, die besucht werden, ist das immer ein besonderes Highlight, wenn sie durch Fotos und Berichte „ihr“ Kind, seine Familie und die Lebensumstände etwas näher kennenlernen können. Ja, manchmal wird es dann „teuer“, weil z.B. ein Bett gebraucht wird, oder schlimmer noch, das Dach repariert oder gar eine Hütte neu gebaut werden muss. Aber alle können sich auch darauf verlassen – wir sammeln Spenden und im Zweifelsfall springt Gabriela Vonwald persönlich ein und finanziert alles Nötige.

Dass die Probleme der Familien überhaupt entdeckt werden, dass wir überhaupt die Möglichkeit bekommen, ihnen zu helfen, das verdanken wir zum größten Teil ihrem Einsatz. Nun habe ich ja seit einiger Zeit das große Glück, noch näher dran zu sein, ich war mittlerweile fünfmal vor Ort und durfte auch selbst schon Familien zuhause besuchen. Einige Male mit Gabi gemeinsam, einige Male auch „alleine“, also gemeinsam mit einer unserer Sozialarbeiterinnen und einem Fotografen. Mittlerweile habe ich etwas Übung, ich kenne den Ablauf, ich bin auf einiges gefasst. Ich versuche, mit ebenso wachsamen Augen von einer Hütte zur nächsten zu gehen, wie Gabi das tut. Ich versuche, dort hinzusehen, wo es sonst niemand macht. Ich versuche, die Schicksale zu begreifen und zugleich in Lösungen zu denken, wie Gabi das tut. Nun, immerhin versuche ich es.

Und es erscheint mir so selbstverständlich, weil Familienbesuche das Herzstück unserer Hilfe sind. Ja, heute gibt es zwei großartige Schulen, wunderbare Partnerschulen, Landwirtschaft, tolle Gebäude, … aber die unmittelbarste, allernötigste Hilfe ist die direkt in den Familien. Heute bei diesem Video ist mir dennoch richtig bewusst geworden, wie ungewöhnlich es ist, dass Gabi auch nach vielen Jahren bei jedem ihrer Aufenthalte vor Ort Familienbesuche macht. Nicht nur, weil Mitarbeiter, Vorstände – geschweige denn Gründer – anderer Hilfsorganisationen lieber in gut klimatisierten Büros oder Hotels herumsitzen, als in die Familien zu gehen, die in ihren Projekten „betreut“ werden. Ungewöhnlich auch nicht nur deshalb, weil Gabi 67 Jahre alt ist und Familienbesuche in Hitze, Staub und Dreck ein absoluter Knochenjob sind. Ungewöhnlich vor allem deshalb, WIE Gabi Familienbesuche macht.

Das sage nicht nur ich, sondern auch die Menschen vor Ort – Mama Karembo ist die Einzige, die wirklich zu uns kommt und zuhört. Das finden auch alle aus dem kenianischen Team, die schon einmal bei Familienbesuchen dabei waren. Nicht lange zu zögern, sondern einfach tun, in die Hütten gehen, Menschen umarmen, ihnen vertrauensvoll Hilfe anbieten und gleichzeitig liebevoll-streng ins Gewissen zu reden – das macht nur Mama Gabi. Und ganz besonders: Menschen in die Augen zu schauen. „Sie sieht uns wirklich“, das erstaunt alle am meisten. Ich kenne diesen Blick, kombiniert mit einer simplen Frage, bei dem man sich ganz plötzlich wie ein offenes Buch fühlt, und zugleich weiß, dass man Gabi Vonwald vertrauen kann. Ich kann nur sagen, diesen Moment vergisst man nicht.

In ein paar Wochen reisen gleich mehrere unserer Paten nach Kenia, auch sie wollen gern mit Gabi Familienbesuche machen. Vor meiner ersten Reise nach Kenia hat mir genau das am meisten Kopfzerbrechen gemacht. Klar war ich neugierig, aber auch sehr unsicher, wie es mir damit gehen würde. Würde ich das verkraften? Würde ich danach Albträume haben? In Tränen ausbrechen? Aber ich dachte, nun, wenn sie es mir zeigen will, dann nehme ich dieses Angebot natürlich an. Mittlerweile weiß ich ja, dass jede/r, der mit Gabi vor Ort ist und sich engagieren will, mal ins kalte Wasser geworfen wird. Nach dem Motto: Wie robust bist du, hältst du das aus?

Nun, offenbar bin ich robust genug, ich halte es nicht nur aus, sondern empfinde es als Ehre und Segen, das tun zu können. Dass Familien uns ihre Türe öffnen, mich in ihre Leben blicken und helfen lassen, macht mich sehr dankbar. Meine Tränen bei Familienbesuchen beschränken sich übrigens auf Freudentränen. Dann grinst unser Michael, der (nach seinem Vater Mr. Karani) Gabi schon von allen am längsten in die Familien begleitet, mich immer an und nickt wissend. Ja, gerade wurde wieder ein Problem gelöst, ein Schicksal gewendet, ein Leben gerettet. Gabi lässt das so einfach aussehen, aber es berührt mich sehr.

Ich werde meine ersten Familienbesuche nie vergessen. Einer der Buben, Joseph, ist mittlerweile „meiner“, weil er irgendwann danach seine Patin verloren hat und ich einfach nicht anders konnte. Wenn man bei jemandem zuhause war, und dieser Mensch braucht dann Hilfe – wie könnte man ihm diese Hilfe verwehren?

Sarah Eidler

 

Ganz oft werden wir von Harambee gefragt, was macht denn eine Patenschaft bei euch anders, besonders? Warum bei euch und nicht woanders?

Nun, erstens einmal – wenn wirklich geholfen wird, dann natürlich auch gern woanders. Ich persönlich denke, es gibt soviel Leid auf der Welt, wer da helfen will, es gibt genug zu tun. Und es gibt überall viele engagierte Menschen, die mit viel Herzblut dabei sind, übrigens sicher auch in großen Organisationen. Wettbewerb unter Hilfsorganisationen sollte es eigentlich nicht geben.

Wogegen ich etwas habe ist, wenn hier bei uns den Menschen, die im guten Glauben geben, Geld genommen und irgendwo verschwendet wird. Und Verschwendung fängt bei mir offenbar wesentlich früher an als bei vielen in dieser Branche.

Viiieeel früher. Und da ich sowieso leicht verrückt bin, fängt helfen auch für mich immer damit an – wieviel spendet denn die Person, die da mein Geld will, selbst?

Wer mit Geld helfen mag, der sollte sich selbst einfach zuerst fragen – wieviel Nähe wünsche ich mir, wieviele Berichte, Kontakte, dabei sein. Wenn es nur um steuerliche Abschreibung geht, dann ist alles gleich gut oder schlecht. Wenn ich aber – und jetzt kommen wir zum Thema Patenschaft – einem bestimmten Kind helfen mag, vielleicht sogar mit mehr als nur einem immer gleich bleibenden Beitrag, wenn ich hier dieser Familie ein Bett kaufen möchte, ein Dach reparieren. Wenn ich von diesem einen Kind Fotos möchte, Briefe, Kontakt. Wenn ich heute sagen möchte, ich bin nächste Woche in Kenia und würde gern mein Kind besuchen. Wenn ich später mit diesem einen Kind, wenn es denn studiert und erwachsen ist, per WhatsApp Nachrichten austauschen möchte, wenn ich also ein Leben über Jahre mitverfolgen möchte – da sind große Organisationen einfach ungeeignet. Und im Übrigen auch ganz viele Kleine.

Für den persönlichen und geförderten Kontakt, für das Mitleben, braucht es nämlich eine Infrastruktur vor Ort. Menschen, die dieses eine Kind ebenfalls kennen und lieben und begleiten, Menschen, die wissen, was sich Paten wünschen. Große Organisationen können es nicht leisten, weil es dieses eine Kind für diesen einen Paten gar nicht gibt, kleine können es oft nicht leisten, weil sie zu wenig Helfende vor Ort haben, die auf der einen Seite ihre Familien gut kennen, dort ein und aus gehen können, auf der anderen Seite aber auch über Know How und Technik verfügen, dies auch zu dokumentieren und täglich frisch nach Europa zu senden.

Harambee schafft diesen Spagat. Nicht, weil wir so viel besser und intelligenter wären, sondern weil ich persönlich das über Jahre eintrainiert habe, immer und immer wieder. Weil wir Menschen direkt vor Ort haben, die ganz genau wissen, was ich selbst und alle Paten brauchen, zeitnah, am gleichen Tag. Weil wir 4 gute Kameras zur Verfügung haben mit dafür trainierten Menschen, weil wir hier auf der anderen Seite wieder Menschen sitzen haben, die die Infos aus Kenia rasch verarbeiten.

Und weil ich selbst dreimal im Jahr für fast einen Monat vor Ort bin.

Daher können wir garantieren – soviel Kontaktmöglichkeiten, so viele Infos, so viel Mitleben wie bei uns, ich denke, das findet man nur selten. Und da bin ich auch durchaus eingebildet. Dazu immer wieder auch Einblicke in die kenianische Kultur, Wirtschaft, Politik, Alltag. Warum? Weil es inzwischen meine Kultur geworden ist, ich stolz darauf bin und ich es immer gern teile. Wissen vergrößert sich, wenn man es teilt.

Und was es ebenfalls noch anders macht bei uns – im Patenbeitrag ist nicht nur die komplette Schule enthalten, es gibt Essen, es gibt eine Krankenversicherung, es gibt modernen Unterricht, es gibt „Erziehung“ der Eltern, es gibt für jedes Kind die Begleitung bis es einen Beruf fertig gelernt hat und auf eigenen Füßen stehen kann. Erst dann, ist es ein Erfolg.

Gabriela Vonwald