Was heißt Community Work?
In unserem Partnerprojekt in Rabai versuchen wir gerade – und wie ich finde, sehr erfolgreich – etwas, das wir in den beiden Vonwald-Schulen so nicht hinbekommen. Warum? Weil es hier zu viele Kinder sind und auch, weil die Menschen rund um die doch größere Stadt Kilifi Town einfach anders sind. Community Work. Aber was heißt das genau?
Rabai ist ein Subcounty von Kilifi, bestehend aus 4 Bezirken (wards), in der die Menschen eine andere Mentalität haben als direkt rund um die Bezirkshauptstadt. Und ich kann sagen, als ich hier 2019 begonnen habe, war es Liebe auf den ersten Blick. Die Menschen hier sind dankbar für jede Zuwendung, wollen aber auch dazu beitragen, dass es gelingt. Sie wollen lernen, arbeiten, Dinge werden in der Gemeinschaft besprochen. Immer schon. Und seit den ersten Begegnungen ist hier etwas gewachsen, seither engagiere ich mich privat neben Harambee, komme immer wieder und höre mir alles an, versuche Lösungen zu finden. Und ich kann sagen, wenn man hier geliebt wird, ist es eine Liebe für immer, wer abgelehnt wird, hat nie wieder eine Chance.
Und daher war ich gern bereit, das neue Projekt Tumaini zu unterstützen. Zumal an der Spitze mit unserem ehemaligen CEO Tsama eine erfahrene Person steht und wir in Mr. Anderson eine Leitfigur der Gemeinde haben, der alle eint und unermüdlich für alle im Einsatz ist.
Daher also nicht einfach nur Schule, nicht einfach nur ein Kind aus einer Familie, das es schön hat und Chancen, sondern echte Gemeindearbeit.
Und die ist mühsam, schwierig, geht an die Substanz, aber wir wollen es versuchen.
Und Gemeindearbeit heißt, hinter jedem niedlichen Kind mit 4 Jahren steht eine Familie, Geschwister, die auch Bedürfnisse haben, Hunger, desolate Wohnverhältnisse, keine Jobs und keine Perspektiven.
Und Hilfe muss zwingend individuell sein und nicht nach dem Gießkannenprinzip, nicht nach dem Motto, wer schreit am lautesten. Auch nicht, wer tut mir am meisten leid und dann der Versuchung erliegen, unnötig Geld auszugeben, dabei aber nichts zu ändern.
Ich möchte an Hand einer Familie, aus der inzwischen zwei geworden sind, mal erklären, wie solch eine Hilfe gerade aussehen kann
Mr. Anderson kontaktiert mich vor zwei Wochen, die Dorfältesten haben gebeten, ob er mich um Hilfe fragen könnte. Ein junger Mann aus der Gemeinde, Omar, hatte einen Unfall mit einem ganz komplizierten Hüftbeinbruch und der behandelnde Arzt wolle ein MRT, weil das komisch sei. Solch ein MRT gibt es in Mombasa, aber zu einem Preis, den sich hier niemand leisten kann. Die Familie hatte schon Ziegen verkauft, aber gerade mal ein Drittel beisammen. Und erschwerend kam hinzu, dass der junge Mann praktisch mit seiner Arbeit die ganze Familie erhalten hatte. Wie soll es denn weitergehen.
Ich hab das MRT bezahlt, man schickte mir den Befund, weil der Arzt nicht erreichbar und in Nairobi, niemand konnte das lesen. Und ich war geschockt. Der Unfall war nicht das Problem, aber dieser junge Mann hat Krebs im Endstadium, alles voller Metastasen. Mein guter Freund Dr. Mahfoud vom Khairat Hospital hat dies auch gleich bestätigt. Und hier muss man gerade in Kenia aufpassen, dass Ärzte jetzt der Familie nicht noch teure Behandlungen aufschwatzen, die rein gar nichts mehr bringen. Nein, so furchtbar das ist, wir investieren keine paar tausend Euro für Chemotherapien und Co. Machen wir es ihm so schön und schmerzfrei wie möglich, was zunächst mal hieß, ein großes Essenspaket für die gesamte Familie, ein Bett mit Matratze, damit – so brutal das gerade klingt – der junge Mann wenigstens in einem Bett sterben darf. Und Schmerzmittel, die uns Dr. Mahfoud gratis gibt.
Es gibt aber Geschwister mit Rückständen in der Schule. Was tun wir mit denen. Also eine kleine Sammlung auch hier, wir schaffen es, alle zurück in die Schule, zumindest jetzt mal für dieses Jahr.
Und dann bekomme ich ein Foto von der Übergabe des Essenspaketes. Und darauf auch noch ein paar Nachbarn.
Eine Patin schreibt mich an, sie würde gern das kleine Mädchen noch sponsern, das da im Vordergrund steht im rosa Kleid. Moment, ich muss mal herausfinden, wer das überhaupt ist, denn zu dieser Familie gehört sie nicht. Und man sieht auch auf dem Bild deutlich – das Kind hat eine erhebliche Behinderung.
Es stellt sich heraus, eine alleinerziehende Mama, der Mann schon vor einiger Zeit auf und davon (meistens verschwinden die Männer, wenn ein Kind mit Behinderung geboren wird).
Das kleine Mädchen ist 6 (ich denke, etwas älter) und hat nie eine Schule besucht. An den Knien sehe ich, Unterernährung, was auch so bestätigt wird. Auch hier gibt es Geschwister, für die das Geld nicht mehr reicht, und im Hintergrund eine Hütte ohne Dach, hier schlafen alle. Im Regen.
Und so geht es mal weiter:
Essenspaket und mehrere Rollen PVC. Alle helfen mal das Dach so notdürftig herzurichten, dass kein Regen herein kommt.
Wir lassen die Kleine Montag einmal körperlich von Dr. Mahfoud untersuchen, dann auch mental, ob sie in eine Regelschule gehen kann oder ob es eine Sonderschule sein wird.
Und finden heraus, welche Rückstände es bei den Geschwistern gibt, die älteste Tochter ist schon 17 und würde gern eine Berufsausbildung machen.
Und das ist ein Fall, ein Tag.
Was wir in Tumaini aber täglich versuchen – Hilfe für ganze Familien, Hilfe für die Gemeinde, nicht wegschauen und sich zufrieden zurücklehnen, weil man dem einen herzigen Kind geholfen hat.
Dazu gehört auch, einen Ort zu schaffen, wo Menschen zusammenkommen können, sich austauschen, erzählen, gehört werden.
Nächste Woche beginnen wir daher mit dem Bau unseres Begegnungspavillons mit angeschlossener Schulküche. Für alte Menschen, für behinderte Menschen, für Frauen und Mütter, für eben alle in der Gemeinde. Es ist kein elitärer Ort für wenige sondern ein Treffpunkt für alle, die kommen wollen.
Und ich sage Danke, dass bereits so viele in diesem Projekt engagiert sind.




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