Old Ferry

Menschen in Europa fragen mich oft – traust du dich auch in die Slums?

Wie ist es da so?

Und wenn wir Besucher hier haben, Paten, Sponsoren, Freunde, sind alle sehr erstaunt, dass sich Armut nicht auf eine bestimmte Gegend beschränkt, sondern dass sie einem einfach überall begegnet. Es gibt diese große Kluft nicht, die man oft erwartet. Auch der Kellner vom Hotel oder sogar ein ehemaliger höherer Beamter wohnen durchaus in einer Lehmhütte, vielleicht einer mit Strom oder Wasser oder Toilette, aber eben auch – Lehmhütte. Und aus genau diesem Grund gibt es auch an der ganzen Küste keine echten Slums – es gibt aber flächendeckend Armut.

Das, was noch am ehesten unserer Vorstellung von Slum entspricht, ist hier in Kilifi die Region „Old Ferry“, sehr nah in Gehdistanz zu unserer Schule und inzwischen kommen sehr viele Kinder genau von dort. Und seit den Anfängen besuche ich „meine“ Familien hier. Old Ferry ist der Grund, warum mich anfangs, als ich noch im Hotel gelebt habe, Angestellte gefragt haben, warum ich die Schule denn ausgerechnet dort bauen will, ob ich nicht wüsste, dies sei die ärmste Gegend von Kilifi? Ja, und genau deshalb.

Old Ferry ist wie eine abgeschlossene kleine Ortschaft, allerdings ohne Zaun. Jeder kennt jeden, viele sind miteinander verwandt, sicher gibt es auch Kleinkriminalität, allerdings keine echte Gewalt. Drogen, Alkohol, sicher. Trotzdem mag ich diese Gegend.

Nach vielen Jahren Arbeit und mindestens einmal jährlichen persönlichen Besuchen kennen uns alle gut. Die Menschen begegnen mir höflich, respektvoll, aber auch vertraut.

Und da wir inzwischen hier so viele Kinder unterstützen, unsere Schuluniformen ja in einem speziellen Hellblau gefertigt sind, liebe ich diesen Moment, wenn uns Scharen von Kindern in unserer Uniform entgegen kommen, aus jeder Hütte, aus jeder Ecke, eine Welle in Hellblau.

Die Vonwald-Kids.

Und durch die ständige Hilfe, allein schon, weil wir aus fast jeder Familie inzwischen ein Kind in der Schule haben und dort auch mit Essen versorgen, haben wir den Eltern eine Last abgenommen. Und nein, ich bilde es mir nicht ein, man sieht das.

Und dieses Mal auch – weniger „neue“ Kleinkinder, weniger Babys, vielfach die Auskunft, Mama arbeitet, Papa hat Arbeit.

Es ist daher auch kein Zufall, dass ich unser neues Umweltprojekt – Plastik sammeln und dafür Geld bekommen – ausgerechnet hier starte. Ich bin überzeugt, es wird ein Erfolg.

 

Kampf gegen Müll und Plastik

Von Gabriela Vonwald.

Bevor es – da Samstag – wieder zum Teamfrühstück geht, möchte ich euch Fotos zeigen vom Ecopark, eine Organisation, gegründet vor einigen Jahren von einem Engländer, Steve Trott, den ich kennen lernen durfte.

Die Organisation möchte nicht nur ein Umweltbewusstsein schaffen, sie vermittelt auch: „Für dich ist es nur Müll, für andere Gold.“ Das heißt, sie kaufen Plastik auf, bekommen es von Hotels gratis, schreddern es und verkaufen es an zwei Plastik verarbeitende Firmen in Mombasa und Nairobi.

Die, die sammeln, bekommen Geld, die, die es koordinieren und auch dieser Verein.
Und daneben vermitteln sie in Schulen, was man alles aus Müll basteln oder nutzen kann.
Wir wollen erstens mit unseren Kindern da mitmachen und sammeln und basteln.

Zweitens wollen wir aber unseren Eltern und Kindern Geld dafür bezahlen, dass sie Plastik sammeln. Die Eltern bekommen ein paar Schilling pro Kilo, wir bekommen von Eco Geld pro Kilo und die holen das einmal pro Woche ab. Die Eltern haben ein Einkommen mit etwas, was sie sonst wegwerfen und wir haben auch einen Zuverdienst. Vielleicht kaufen wir dann später mal eine eigene Schreddermaschine.
Und ich hoffe, damit ein Bewusstsein zu schaffen, Plastik nicht in die Landschaft zu werfen. Hier mal nur ein paar wenige Eindrücke.

Wie weit ist weit

Unsere Kinder gehen zu Fuß zur Schule. Ganz selten mal, weil man spät dran ist oder ohnehin in die Richtung fahren muss, bringen Eltern ihre kleineren Kinder mit dem Motorradtaxi, als Ausnahme. Kein Kind beschwert sich wirklich über 30 Minuten Fußmarsch und meistens kommen sie in einer großen Gruppe, haben Spaß dabei, entdecken Abenteuer und vor allem beim Heimweg – obwohl müde – können sie sich auch auspowern und den Schulstress abschütteln.

Ein paar der Größeren haben durchaus einen noch weiteren Schulweg und daher stimmen wir dem Wunsch fast aller Kinder ab einem gewissen Alter nach einem Fahrrad auch gern zu. Es erleichtert einfach viel und ist gleichzeitig ein tolles Sportgerät für die Nachmittage. Und ab Klasse 7 bieten wir das sogenannte Half-Boarding, das heißt die Kinder schlafen auf simplen Matratzen in der Schule bis Samstag mittags, sind sonntags und in den Ferien aber zuhause. (Jetzt durch die Covid-Beschränkungen ist es gerade schwierig, aber Kenia lockert wöchentlich mehr.)

Bei meinen Familienbesuchen von Kindern anderer Schulen, die wir auch unterstützen, sehe ich aber immer wieder, dass offenbar da die Uhren anders ticken. Da werden Kinder aufgenommen, die manchmal 1,5 Stunden Fußmarsch zu bewältigen haben, 4jährige. Das heißt, sie müssen sich um 5 Uhr auf den Weg machen. Unmenschlich. Aber oft ist es die einzige erschwingliche Schule für die Eltern. Warum lässt man das zu? Meine Erfahrung – die wenigstens Schulleiter oder Lehrer haben auch nur den geringsten Schimmer, wo ihre Kinder wohnen, aus welchen Verhältnissen sie kommen, wie die Familienstruktur ist. Man klopft an beim jährlichen Casting und wenn es eine Geburtsurkunde gibt und das Schulgeld bezahlt wird, ist es jedem egal.

Was bei uns anders ist – bevor ein Kind bei uns aufgenommen wird, überprüfen wir die gesamten Verhältnisse der Familie. Und dazu gehört als allererstes – wie weit entfernt wohnt das Kind? Ist das zu bewältigen. Im Zweifelsfall zahlen wir das Schulgeld für eine Schule gleich neben der Hütte. Aber auch andere Informationen holen wir ein, auch, weil wir unseren Sponsoren verpflichtet sind. Schafft es die Familie wirklich nicht ohne Hilfe oder erzählt sie das nur? Wie viele Kinder gibt es überhaupt. Unser Deal ist immer, wenn wir dir die Sorge für eines abnehmen, schickst du eines der anderen verlässlich in eine öffentliche Schule. Seit Jahren gilt auch, wir sponsern maximal zwei Kinder aus einer Familie.

Auch eine wichtige Frage, haben die Eltern irgendeine Arbeit, gibt es überhaupt Eltern oder sind die beide irgendwo und Kind wächst bei der Großmutter auf. Wer ist also unser Ansprechpartner bei Problemen? Dazu eine lustige Geschichte:

In der Anfangszeit dachten alle, wenn es nur eine alleinerziehende Mama geben würde, dann würden wir ein Kind eher fördern. Also gab es immer die Info, Vater gestorben. Bis wir das durchschaut hatten, verging eine Weile. Bei allen Besuchen waren keine Väter zu sehen. Bis wir dann bei einem der Elternabende erklärten, wir würden das sehr schade finden, dass es keine Väter gibt. Wir würden viel lieber mit Familien arbeiten, wo auch Väter eine Verantwortung übernehmen würden. Beim nächsten Elternabend – ich war gerade anwesend – plötzlich doch einige Väter im Raum, denen ich dann zu ihrem plötzlichen „vom Tode auferstanden“ gratuliert habe. Unter großem Gelächter.

Heute weiß jeder, er muss nicht auf total arm spielen oder alleinerziehend (wobei es immer noch die meisten Härtefälle bei Alleinerziehenden beiderlei Geschlechts gibt), unser Kriterium ist eher – unterstützt du dein Kind, bist du ernsthaft an Bildung interessiert, wirst du mit uns zusammenarbeiten, auch präsent sein bei den Elternabenden. Es gibt auch nur noch im Notfall alles gratis, wir verlangen wo immer es möglich ist, inzwischen die Schuluniform von den Eltern und die Hefte ebenfalls. Und unsere Eltern müssen Feuerholz bringen, sonst haben die Kinder nichts zum Essen.

Gestern bekam ich übrigens von einem der großen Buben einen rührenden Brief darüber, sein Schulweg sei so weit. Manchmal siedeln Eltern um, und dann überlegen wir, was ist besser fürs Kind, ein weiterer Schulweg, aber bei uns bleiben, oder kürzerer Schulweg und andere Schule. Bei den Großen entscheiden wir meistens für den längeren Schulweg. Jedenfalls bekommt der Bub ein Fahrrad, er weiß es noch nicht, Überraschung.

 

Helfen ist einfach, erfordert aber doch wesentlich mehr als nur Geld ausstreuen. Und darum bemühen wir uns jeden Tag.

 

Home-Science in der Küche

Klasse 4 hatte heute im Fach „home-science“ einen Besuch in der Küche. Vorher noch die richtige Kleidung basteln und lernen, warum man das anzieht. So sweet.

Und unsere Köchinnen müssen diese Woche in kleinen Gruppen (alle auf einmal können wir nicht entbehren) zur Gesundenuntersuchung. Ist zweimal im Jahr Pflicht inklusive Entwurmung. Glaube nicht, dass das alle Schulen so machen und einhalten, aber die Strafen sind bei Kontrolle saftig und ist auch sinnvoll.

Schule neu

Seit 4 Jahren strebt Kenia ein komplett neues Schulsystem an. War es bis dahin das britische System mit 3 Jahren verpflichtendem Kindergarten, dann 8 Jahre Primary mit einer alles entscheidenden Abschlussprüfung, nur wenn man die bestanden hat plus sich die teilweise exorbitanten Gebühren leisten konnte, ging es weiter zu 4 Jahren Secondary und dann in fast jedem Studienfach 4 Jahre Uni, hat man im neuen System alles über den Haufen geworfen und dies betrifft nicht nur Klassenstruktur und Lernzeit, sondern vor allem Lerninhalte. Und ich hab schon oft gesagt, ich finde das richtig gelungen, auch wenn der Übergang sicher holprig sein mag, noch dazu mit Coronaverzögerungen. Aber es ist ein Kraftakt.

Was wird kommen oder ist schon da, denn alle Kinder bis Klasse 4 laufen schon im neuen System, alle darüber noch nach dem alten. In 3 Jahren dann treffen sich beide Systeme und es gibt nur noch „Schule Neu“.

Es beginnt mit 2 verpflichtenden Klassen Nursery/Vorschule, genannt PP1 und PP2 (Pre-Primary). Auch neu, ein Kind muss 4 Jahre alt sein, man kann es also nicht einfach zur Aufbewahrung abgeben. Und auch ganz wichtig, wir dürfen kein Kind mehr annehmen, das keine Geburtsurkunde hat. Das ist eine Herausforderung für die Eltern, zwingt sie aber auch, das alles ernst zu nehmen.

Dann geht es weiter mit 6 Klassen – genannt „grade 1-6″ – Primary, nämlich 1-3 Lower Primary, 4-6 Upper Primary. Und – keine alles entscheidende Endprüfung, die praktisch bedeutet hat, wenn ich da einmal versage, ist mein weiterer Weg verbaut. Jedes Kind hat nach Primary 6 das Recht auf Highschool.

Dann kommen eben weitere 6 Jahre Highschool, wieder getrennt in Lower Senior High und Upper Senior High. Und am Ende hat man Abitur/Matura. Wobei man auf dem Weg dahin auch entscheiden kann – ich lerne einen handwerklichen Beruf und wechsele in eine Berufsschule.

Sehr viele Schulen wird allein das vor große Herausforderungen stellen. Denn es gibt unzählige Schulen in Kenia, die entweder oder sind, Primary oder Secondary.

Zur Info – wir bieten auch jetzt schon beides an und unsere Kinder laufen fast alle durch.

Was aber neben dieser reinen Strukturänderung vor allem geändert wurde sind die Inhalte. Weg vom verkopften rein akademischen Lernen und Bücher studieren hin zu der Entwicklung von Fähigkeiten und Interessen. Lehrer sind schon seit 4 Jahren angehalten, genau das heraus zu filtern, Schulen sind angehalten Möglichkeiten zu bieten. Und das Schöne, alles, was bisher eine freiwillige Spielerei war und weswegen wir belächelt wurden, wird jetzt verpflichtend und benotet. Sport bekommt plötzlich einen Stellenwert, Musik, Kunst. Man weist Schulen an – nicht nur Fußball und traditioneller Tanz oder Pfadfinder – bietet neue Dinge, öffnet Türen.

Vor Jahren wurde ich noch belächelt, dass wir Schwimmunterricht anbieten und Deutsch – jetzt wollen viele Schule plötzlich Schwimmen als Angebot. Musikinstrumente spielen erschien bisher als netter Zeitvertreib, jetzt sind Schulen begehrt, die genau das tun. Ab der Secondary MUSS ein Kind zumindest in einem dieser Aktivitäten dabei sein.

Und auch das stürzt jetzt viele Schulen in hohe Kosten – auch die öffentlichen. Und es sind ganz andere Lehrer gefragt. Wir haben beim Casting immer schon auch berücksichtigt – macht der Sport, hat der schon mal eine Theatergruppe geleitet, spielt er ein Instrument – aber bisher war das sonst nicht wirklich wichtig.

Und eine weitere Vorgabe der Regierung ist die Digitalisierung. Der Ruf nach – jedes Kind in der Highschool ein Tablet. Nun, bei uns sind wir wenigstens soweit, dass jedes Kind in der jetzigen Secondary ein Tablet hat und auch damit umgehen kann. Ebenso alle Lehrer (nicht selbstverständlich). Und bis es soweit ist, werden wir das auch für die Klassen 7 und 8, also die späteren Klassen 1 und 2 der Highschool haben.

Was auch gefördert werden soll – Handwerk. Nicht alle sollen an die Uni oder ins College. Schaut euch die Fähigkeiten und Fertigkeiten an, lasst uns die Berufsschulen aufwerten. Und ich freue mich, dass wir mit einer sehr guten zusammenarbeiten seit vielen Jahren, und dadurch, dass wir dort immer wieder für den einen oder anderen jungen Menschen das Schulgeld zahlen, auch hier zur Entwicklung beitragen

 

Ich möchte übrigens in den nächsten Tagen noch anschaffen – ein Keyboard, einen Tischtennistisch und eine Töpferscheibe. Wir haben jetzt schon Kinder, die dafür zu begeistern sind. Vielleicht mag mich ja wer finanziell unterstützen, der das selbst als Hobby betreibt?

 

Zurück zur Landwirtschaft

Ich komme vom Bauernhof, bin mit Tieren aufgewachsen und eigenem Gemüse im Garten. Und mein persönliches Credo ist, dass gerade ein Dritte-Welt-Land unbedingt eine funktionierende Landwirtschaft braucht. Und als ich meine Tätigkeit hier aufgenommen hatte, dachte ich mir, nichts leichter als das, ländliche Gegend, eigentlich fruchtbare Erde, warum machen das nicht alle? Warum gibt es Hunger sogar bei Hütten, die drumherum was anbauen können.

Das Erste, was ich natürlich lernen musste, war – Wasser. Es fehlt 4 Monate im Jahr einfach jeder Tropfen Regen und einfach mit Sprinkler oder Wasserschlauch bewässern – Fehlanzeige. Die meisten hier sind froh, wenn sie zwischen Dezember und April ausreichend Trinkwasser haben. Wasser zu den Hütten zu bringen, Pipelines zu legen oder Wassertanks aufzubauen, ist daher seit Jahren ein zentrales Thema unserer Arbeit.

Das Zweite aber, und das hatte ich gar nicht am Schirm – man hat hier einfach verlernt, wie es geht. Viele Familien versuchen verzweifelt und eher unbedarft ein paar Maisstengel in den Boden zu stecken – ausgerechnet Mais, eine Diva unter den Nutzpflanzen – aber wenn überhaupt, dann nur für die eigene Familie und um Notzeiten abzupuffern.

Daher war ich hocherfreut, als ich erfuhr – Agriculture kann ein Lehrfach sein in der Highschool. Ich sage bewusst „kann“. Nach der 2. Klasse Secondary können die Kinder nämlich theoretisch wählen zwischen einer Schiene mit Landwirtschaft und einer mit Business. Aber ich erfuhr, viele Schulen im Land „tun sich Landwirtschaft nicht an“. Und bei den jungen Leuten ist es meistens auch nicht so das Traumding, lieber füllt man Tabellen aus und lernt, wie man einen Brief formuliert (was natürlich wichtig ist).

Warum bieten Schulen es oft gar nicht erst an? Weil es Anforderungen an den Schulbetreiber stellt und sich das viele einfach nicht antun wollen. Man muss mindestens zwei Nutztierarten zur Verfügung stellen mit entsprechendem Gehege oder Käfig. Außerdem pro Schüler so-und-so-viel Quadratmeter Land zum Anbau von Nutzpflanzen. Außerdem Saatgut, Dünger, Geräte, Wasser. Dann doch lieber nur etwas, wo man in der Klasse sitzen bleiben kann.

Ich redete mir also den Mund fusselig. Vor allem auch, weil junge Menschen mit einem Highschoolabschluss in Agriculture Gutschriften bekommen für den Zugang zu vielen Studienfächern. Vor zwei Jahren dann unsere erste Klasse, Abschlussarbeit war der Anbau von Hirse mit allem, was dazu gehört inklusive Hirserezepten. Die Klasse, die derzeit vor dem Abschluss steht, für die haben wir 6 Babyziegen angeschafft, die auch während der langen Covid-Schließzeit betreut werden mussten.

Außerdem haben wir während Covid und mit einer tollen Unterstützung aus Österreich durch die Gärtnerei Starkl einen jungen Mann angestellt, der selbst Agrarwissenschaften studiert hat und allen mal so richtig gezeigt hat, wo der Hammer hängt. Es wurde experimentiert, gepflanzt, geerntet, Saatgut selbst gezogen, viele Dinge ausprobiert und dann unseren Eltern gezeigt. Wer möchte so etwas auch. Hausbesuch, ist es möglich, was bist du bereit zu tun und dann Hilfe. Inzwischen sind hier alle komplett verrückt nach Gemüseanbau. Nicht nur immer Mais und Tomaten. Mangold, Spinat, Kohl, Chilli und was noch alles. Selbst unsere Lehrer bauen zuhause Gemüse an. Und hatten während  Covid zu essen.

Und auch unsere Kinder sind infiziert. Ich denke, die nächsten Agricultureklassen werden sich füllen und manche werden es studieren. Manchmal hört man jetzt als Berufswunsch schon nicht mehr Pilot oder Neurochirurg sondern Farmer. Kinder erbetteln von den Eltern eine Kuh oder zwei Hühner und beginnen, diese zu vermehren. Eltern starten die Produktion von Eiern oder wie heute bei einem Vater gesehen, Schweineproduktion. Klein noch, aber sie erzählen mir stolz, dass sie davon inzwischen ein Kind zur Secondary schicken konnten oder das Dach reparieren.

Um beim Thema zu bleiben – die Saat geht auf.

 

Familienbesuche

 

Seit fast 15 Jahren besuche ich in Kenia Familien. Anfangs mit gemietetem Auto, mit TukTuk, mit ersten eigenem Schulauto und  – ganz, ganz, ganz viel einfach zu Fuß. Im Grunde hat Harambee ja so angefangen, eine Schule bauen, das kam ja erst zwei Jahre nach der Gründung. Mir wurden bedürftige Familien genannt, ich bin hingefahren, hab versucht herauszufinden, wo der Schuh drückt, hab Lebensmittel gebracht, Schuluniformen und Schulgeld bezahlt, mal ein Dach reparieren oder ein Bett tischlern lassen. Viele Stunden am Tag, anfangs noch vom Hotel aus.

Viele dieser langen Fußmärsche habe ich genutzt, um von meinem Freund und Mentor und Mitgründer Mr. Richard Karani zu lernen. Lange Fußmärsche heißt Zeit für lange Gespräche. Und es war einfach schon lehrreich, ihn zu beobachten. Der einfach alle kannte, von jedem eine Geschichte wusste, wer mit wem verwandt ist. Und der mich ganz sanft unterrichtet hat im Umgang mit den Menschen, in Respekt, der mir aber natürlich auch die Türen geöffnet hat. Ihm hat man vertraut, also auch mir. Allein die hunderte Arten der Begrüßung, die Feinheiten, die Fragen. Ich weiß heute aus der Entfernung, wohnen da muslimische Familien oder christliche und weiß, welche Begrüßung. Ich habe Pflanzen kennen gelernt, Früchte, Tiere und Brauchtum. Manchmal war ich so erschöpft nach solch einem Tag, dass ich nur noch duschen und schlafen wollte, aber es war immer ein Erlebnis.

Heute haben wir für diese Aufgabe Lucy, die so unglaublich gut mit den Kindern und Müttern umgehen kann, liebevoll aber bestimmt, immer den richtigen Ton trifft, behutsam oder forsch, lustige große Schwester oder Respektsperson. Sie hat es wirklich drauf. Und kann von jedem unserer Kinder sagen, unter welcher Palme rechts die Hütte steht und welches Kind gleich daneben wohnt, einfach unglaublich. Dazu Michael, Mr. Karanis jüngster Sohn, den ich kenne, seit der Bengel 14 war, der mich als Zweitmutter respektiert und inzwischen mit viel Geduld gelernt hat, richtig gute Fotos zu machen.

Und eigentlich könnte ich mich zurück lehnen und die zwei machen lassen.

Warum ich dennoch auch weiterhin immer wieder Tage mit Familienbesuchen einschiebe, auch wenn ich heute während eines Aufenthaltes maximal noch 60 bis 80 Kinder schaffe (was bei insgesamt über 800 Kindern eben nur noch 10% sind), hat mehre Gründe.

Der erste – ich mach das einfach gern. Ich bin neugierig und liebe das Zusammensitzen mit der Großfamilie vor der Hütte. Irgendwer holt sofort irgendeinen wackligen Stuhl, schiebt ihn und mich in den Schatten und dann wird einfach geredet, gefragt, nach Wünschen, Problemen, Sorgen und was sich seit dem letzten Besuch so getan hat. Und ich kann so oft sehr rasch helfen, entscheiden, etwas tun. Manchmal hängt da ein Leben oder zumindest das Glück und die Hoffnung nur an ein paar Euro und einer Idee. Vor allem das Thema Hoffnung ist es auch – Familien eine Hoffnung geben, dass da jemand da ist, dem sie nicht egal sind. Das kann man nicht von einem Büro aus.

Der zweite Grund – ich möchte nicht als die reiche Weiße in ihrem Glaspalast wahrgenommen werden. Bei meiner ersten Ansprache an meine Mütter – damals saßen noch kaum Väter dabei – hab ich genau das gesagt – ich bin eine von euch – Frau, Mutter, Großmutter. Ich möchte, dass man mich anfassen kann, umarmen (wenn nicht gerade Covid ist), miteinander schweigen.

Das sind also meine Gründe, warum ich es noch immer mache, obwohl ich so langsam ein wenig mein Alter spüre und meine Untrainiertheit.

Es ist wichtig,  in die Familien zu gehen, ob ich das nun selbst tue oder Lucy oder ein anderer Mitarbeiter. Unsere Paten sollen Informationen bekommen, die über Schulnoten hinausgehen. Sie sollen wissen, schläft das Kind in einem Bett oder auf dem Fußboden, hat es Geschwister, gibt es Eltern, Großeltern, wie ist die Wohn- und Familiensituation. Man kann ein Kind nicht wirklich stimmig begleiten, wenn man nur hinter Schulmauern sitzt.

Familienbesuche werden daher immer ein zentraler Bestandteil unserer Arbeit sein.

Nachbarschaftshilfe

Harambee – oder wie wir IN Kenia heißen, Gapeka – ist nicht nur eine Schule, es sind viele Schulen. Natürlich ist der Kern unserer Arbeit die „eigene“ Schule, „Kilifi Vonwald School oder kurz KVS“. Aber es gibt so viele bedürftige Kinder. Und unsere Räumlichkeiten erlauben einfach nicht mehr als die etwas über 600, die derzeit bei uns lernen.

Was also tun?

Schon seit den Anfängen haben wir Kinder auch in anderen Schulen unterstützt. Schulgeld, Schuluniformen, Bücher, Mittagessen, Krankenversicherung. Anfangs zum Beispiel, weil wir mit unserer eigenen Schule ja nur langsam nach oben gewachsen sind und es dann beispielsweise noch keine Klasse 6,7,8 gab. Manchmal, weil der Weg einfach zu weit war, sich dies erst später aber herausgestellt hat oder die Mutter einige Hütten weiter gezogen ist. Immer natürlich, wenn es um College oder Universität oder Berufsschule geht, wir lassen ja ein Kind erst dann gehen, wenn es wirklich fertig ist mit einer Ausbildung oder einem Studium. Ganz oft sind es öffentliche Schulen, die solche externen Kinder besuchen, manchmal auch Privatschulen. Insgesamt kommen so allein in Kilifi County mehr als 45 Bildungseinrichtungen in den Genuss von regelmäßig bezahltem Schulgeld durch unsere Organisation.

Nur hat man natürlich außer übers Geld in solchen Schulen keinen echten Einfluss und gerade in öffentlichen Schulen würde ich keine Bänke sponsern oder einen Wassertank, denn da gibt es einfach zu viel Korruption.

Unser Plan war also schon lange – nehmen wir doch einfach eine oder zwei arme Schulen dazu, die wir einfach etwas mehr unterstützen als nur durch Sponsoring der Kinder.

Und nun hat es sich vor einigen Jahren ergeben, dass unsere Nachbarschule Hope Integrated um Hilfe gebeten hat. Ich hatte die zuerst nicht so am Schirm und muss auch sagen, dass ich dem Gründer und Betreiber anfangs Unrecht getan habe. ER selbst hat seine Kinder bei uns und gründet eine Schule? Sicher doch nur, um Geld zu verdienen.

Inzwischen schäme ich mich für diesen Gedanken, ich habe selten einen bemühteren Mann kennen gelernt als Mr. Thoya. Ein Mann, der sein letztes Hemd geben würde für einen Armen, für ein bedürftiges Kind, für jeden in Not. Und der sich aufrichtig bemüht, hervorragende Noten zu produzieren und seine kleine Schule Stück für Stück wachsen zu lassen.

Inzwischen haben wir 50 Kinder von dort als vergebene Patenkinder, wir haben 2 Klassen mit Büchern ausgestattet, Spenden für einen zusätzlichen Klassenraum gesammelt, ein Dach repariert, Wasser eingeleitet. Alles Dinge, die notwendig waren, weil er sonst nach Covid nicht wieder hätte aufsperren dürfen. Wir tauschen mit unserer Bibliothek Bücher aus, damit auch seine Kinder was zum Lesen haben, wir trainieren demnächst seine Lehrer und werden in Kürze einen Elternabend mit gestalten, damit auch seine Eltern so wie unsere eingebunden sind in das Thema Schule.

Ich fühle mich zu all dem auch doppelt verpflichtet, denn Mr. Thoya ist der Sohn des alten Mannes, der uns alle Grundstücke verkauft hat und in dessen ehemaliger Hütte, nunmehr ein Haus, ich jetzt wohne. Kreis des Lebens. Und weil Mr. Thoya anfangs mit einer anderen deutschen Hilfsorganisation zusammengearbeitet hat, die aber dann plötzlich lieber woanders spenden wollten. Und ich mich für diese Wankelmütigkeit und Verspieltheit von europäischem Helfertum dann immer sehr geniere. Mehrmals schon hätte er seine Schule fast schließen müssen, weil er auf Spender hereingefallen ist. Ja, auch das gibt es. Wenn man hilft, so wie wir es verstehen, dann geht man eine Verpflichtung ein. Und diese Verpflichtung heißt, ich steige nicht einfach aus, auch nicht wegen Covid.

Ich habe heute nochmals 10 Kinder ausgesucht, für die wir Paten suchen.

Außerdem braucht Mr. Thoya noch dringend 20 Schultische, damit er alle Abstandsregeln einhalten kann. Einer kostet 35,- Euro. Bücher werden gebraucht und einige andere notwendige Dinge.

Aber wie so oft erlebe ich hier im Land, dass es gar nicht immer um Geld allein geht. Mr. Thoya meinte heute zu mir, dass es ihm allein moralisch geholfen habe zu wissen, dass wir da sind, dass er nicht allein kämpfen müsse.

Er hat übrigens während Covid Tomaten angebaut, unser Agriculture-Trainer hat ihm gezeigt, wie er das am besten macht. Nicht, um seine eigenen Taschen zu füllen, sondern er hat sie am Markt verkauft, damit er die Schule wetterfest streichen kann.

Wer hier helfen möchte, gern einfach mit dem Betreff „HOPE“.

Und nächste Woche besuche ich noch eine ausgewählte Schule in Kaloleni, der wir auch ein wenig unter die Arme greifen wollen.

Helfen ist einfach, man muss es nur tun.

 

 

 

Zehn Häuser

Als es im März auch in Kenia hieß – alle Schulen sofort schließen, dachten wir wohl alle zunächst an 2 bis 4 Wochen. Und waren noch ganz gelassen. Den Kindern wurde genau erklärt, Hände waschen, auch zuhause, nehmt euch eure Schulbücher vor und lest ein wenig, wir sehen uns sicher bald wieder. Aber schon nach wenigen Tagen war klar, da werden sich Dramen abspielen.

Eltern, die keine Möglichkeit hatten, auch nur irgendwas zu verdienen, irgendeine soziale Absicherung, Kurzarbeit, Arbeitslosengeld, irgendwas – Fehlanzeige. Kinder, die wir bisher in der Schule gut mit Nahrung versorgt hatten, wurden plötzlich zuhause damit konfrontiert, dass es einfach nicht jeden Tag etwas zu essen gibt.

Schon ganz früh haben wir daher unsere erste Lebensmittellieferung organisiert. Angefangen mit den ersten 50 sehr armen Familien und dann immer weitere Kreise. Und nicht einfach wie die Regierung ein paar Kilo Maismehl, sondern so wie wir es immer machen – Maismehl, Bohnen, Zucker, Salz, Öl, Tee, aber auch Seife.

Dann das Ringen darum, wie behalten wir die Kinder irgendwie am Lernen dran, vor allem die Klassen, die ja ihr Examen machen sollen.

Unsere erste Idee war es, einen Radiosender zu mieten. Lokale Anstalten in Nairobi boten schnell sogar TV-Lernprogramme, aber welches unserer Kinder hat schon einen Fernseher. Nicht einmal Laptop oder auch nur Smartphone. Unterricht an einem neutralen Ort mit Abstand und in kleinen Gruppen wurde uns nicht gestattet. Nur auch der Radiosender hätte einfach unser Budget gesprengt.

Was aber erschwinglich war, waren so kleine Radios. Eigentlich eher Lautsprecher mit USB-Anschluss. Und so setzten sich unsere Lehrer täglich hin, sprachen ihre Lektionen für mehrere Tage auf einen USB-Stick, wir kauften kleine Radios für jede unserer Familien und schon ging es los.

Kleinere wurden von unseren Lehrern regelmäßig zuhause besucht, eine Aufgabe geliefert, erklärt, die Hausaufgabe der letzten Woche abgeholt. Dabei auch gleich zugehört, wo sitzen die Probleme, können wir noch was tun, was würde helfen.

Und das alles lange bevor dann plötzlich von der Regierung die Anweisung an alle Schulen kam, doch bitte von Seiten der Lehrer „Community Based Learning“, kurz CBL, anzubieten – also genau das zu tun. Und wohl erstmals in der Geschichte des kenianischen Schulsystems lernten Lehrer öffentlicher und so manch privater Schule ihre Kinder wirklich kennen, nämlich zuhause. Viele wussten ja nicht einmal, wo die wohl wohnen würden. Oder noch absurder, sie trauten sich nicht in die Slums.

Warum es bei uns kein Thema war, liegt an der ganz anderen Herangehensweise unseres Hilfssystems und daran, wie es eigentlich entstanden ist.

Die Anfänge der Vonwald-Schule waren nicht, Eltern bringen mir ihre Kinder, weil da eine Schule gebaut wird. Vom ersten Tag an in Kenia habe ich Familien besucht (und ja, natürlich auch in den Slums). Manchmal war ich von morgens 7 Uhr bis spätnachmittags 17 Uhr ohne große Pausen unterwegs in die weit entlegenen Ecken. Ich hole mir die Kinder in den Familien und dabei sehe ich und sehen unsere Mitarbeiter das Umfeld. Wir wissen, wo unsere Kinder leben, ob sie auf dem Boden schlafen oder in einem Bett, wie viele Geschwister und ob die in eine Schule gehen. Gibt es einen Vater, eine Mutter, oder werden alle von einer Oma betreut. Das alles waren und sind bis heute wichtige Informationen, um zu verstehen, warum lernt ein Kind vielleicht nicht. Wenn man weiß, dass da ein Mädchen als älteste um 4 Uhr geweckt wird, um in 4km Entfernung 20 Liter Wasser für die Familie zu holen und dann erst in die Schule gehen darf, dann wundert man sich nicht, warum sie in der ersten Stunde einschläft. Und man kann gegensteuern, mit den Eltern reden.

Eltern ist auch so ein Stichwort. Wir holen seit Jahren die Eltern ins Boot, predigen, dass sie Verantwortung tragen, informieren sie in kleinen Meetings über alle Schritte, halten sie dazu an, ihren Kindern den Raum zu geben, sie beim Lernen zu unterstützen, auch wenn sie selbst Analphabeten sind.

Wir haben Elternvertreter und natürlich engsten Kontakt mit allen Dorfältesten.

Das System der Dorfältesten ist sozusagen die Basis der Demokratie in Kenia. Man nennt es auch „njumba kumi“ – 10 Häuser. Und es funktioniert in der ländlichen Gegend, aus der wir überwiegend unsere Kinder holen, ganz hervorragend. Immer 10 Häuser wählen einen Dorfältesten, sozusagen ihre direkte Volksvertretung. Dieser Dorfälteste weiß einfach alles über „seine“ Familien, die Fakten genauso wie die Geschichte und den Dorftratsch. Und wenn wir etwas umsetzen wollen, dann immer über diese Dorfältesten.

Da wir also immer schon „Feldarbeit“ betrieben haben, viele unserer Mitarbeiter genau dafür angestellt wurden (wir investieren also nicht nur in Lehrer, Köche und eine Sekretärin), konnten wir auch unsere Lehrer gemeinsam mit unseren Sozialarbeiter zu den Familien schicken, Eltern informieren und sie davon abhalten, ihre Kinder betteln zu schicken statt zu lernen, und dazu noch die Dorfältesten, die uns unterstützt haben.

Natürlich ist das nicht das Gleiche wie lernen in einer Klasse. Aber es ist für ein Dritte-Welt-Land das Beste, was wir aus der Situation machen konnten.

Auch die Vorbereitungen für das Ende der schulfreien Zeit haben wir sehr früh erfahren durch ständigen engen Kontakt zu allen Behörden. Und haben uns sehr früh auch kontrollieren lassen. O-Ton dieser Kontrolleure: „Wenn hohe Minister kommen und mal eine Vorzeigeschule sehen wollen, schicken wir sie zu euch.“

Wir haben es also bisher ganz gut geschafft. Aber etwas nur gut schaffen ist für so einen Perfektionisten wie mich nicht genug. Die Frage daher – was haben wir gelernt, was können wir mitnehmen.

Und ich freue mich, dass da scheinbar alle Lehrer und Mitarbeiter einer Meinung sind – die Kinder haben Eigenständigkeit gelernt, wir werden in Zukunft mehr Projektarbeiten machen, mehr Teamarbeiten in kleinen Gruppen. Vor allem aber – wir werden noch mehr Tablets anschaffen, denn ehrlich, die haben uns nicht nur gerettet, sondern ich glaube, sie sind die Zukunft. Ziel ist es daher, auch die Klassen 7 und 8 der Primary bis zum Sommer voll zu bestücken. Gerade arbeiten wir mit einem der größten Schulbuchverlage einen Vertrag aus, dass wir in Zukunft um einen Bruchteil des Geldes, was wir bisher für Bücher ausgegeben haben, diese einfach auf die Tablets laden können.

 

Danke daher an alle Sponsoren, Danke aber auch an fantastische Lehrer und Mitarbeiter, die sich mächtig ins Zeug gelegt haben, um kein Kind zu verlieren.

 

 

 

Kenia in Corona

Nach einem Jahr kompletter Pause, in der dennoch viel weiter gegangen ist, bin ich gestern wieder in meiner zweiten Heimat angekommen. Allen Unkenrufen zum Trotz ein entspanntes Reisen mit wenig Gedrängel und freundlichem Personal, ohne Warteschlangen und keinerlei Schikanen oder Hindernisse beim Einreisen. Da ich mich in diesen ersten Tagen vor allem um mein Haus kümmern möchte, also noch von keinen Abenteuern im Sinne unseres Projektes zu berichten habe, versuche ich mal meine ersten Impressionen zu teilen, wie mein Eindruck ist von Covid in Kilifi (über ganz Kenia zu sprechen, möchte ich mir nicht anmaßen).

Erster Eindruck – die Menschen sind sehr diszipliniert, alle tragen bei Kontakt oder in Geschäften Maske, in unserer Schule auch die Kleinsten, gern sogar, weil es die Großen auch machen. Alle Kids waschen nonstop Hände, einfach weil diese Waschstraßen mit Fußpedal so cool sind. Und allen ist auch klar – Hände waschen, Maske tragen, sonst keine Schule, end of the story. Was hier niemand riskieren will.

Erste Gespräche mit Lehrern, die ja sehr vernetzt sind, haben aber gezeigt, dass dies „Draußen“, also in anderen Schulen, nicht so ist. Ganz viele Kinder wollen nach der langen Zeit des Lockdowns nicht zurück in die Schule. Überhaupt die Größeren, die in diesen 10 Monaten erlebt haben, dass sie vielleicht mit Tagelöhner-Jobs auch ganz gut über die Runden kommen. Wie kann man es auch 16jährigen verübeln, dass das, was man Zukunft nennt, für sie noch in weiter Ferne liegt, unsicher und wer weiß, was bis dahin sein wird. Aber die 100 Keniaschilling für irgendeine Arbeit, die hab ich gleich und kann meine Familie unterstützen. Es gibt daher in ganz Kenia strenge Kontrollen der Schulen, man muss Listen schreiben, welches Kind fehlt seit wann und warum und was haben wir als Schule unternommen dagegen. Viel Papier.

Was uns hier in der Highschool wirklich gute Dienste leistet, ist die Tatsache, dass wir für alle, wirklich alle, jetzt ein Tablet haben. Und nicht nur einfach das Tablet, sondern auch Programme dazu, Unterrichtsmaterialien, zusätzliche Tools, ein Lernsystem. Und die Lehrer eingeschult wurden.

Jedenfalls begegnet einem überall von großen Plakatwänden bis hin zu kleinen Markständen das neue Mantra – „Mikono-mask-nafasi“. Was gleichzusetzen ist mit unserer Empfehlung – „Hände waschen, Maske tragen, Abstand halten“.

Wobei mir gefällt, dass hier weniger von Social Distance geredet wird denn von Physical Distance. Und daran hapert es durchaus. Winzige Geschäfte, vollgestellt mit Waren, und dann quetschen sich da noch drei Angestellte und vier Kunden durch. Dafür kann man überall kontaktlos Fieber messen und per Fußhebel Hände desinfizieren. Und alles, wirklich alles hat offen. Es kommt einem direkt seltsam vor.

Soviel zur Prävention oder dem Versuch. Ganz anders, nämlich deutlich weniger entspannt, ist die Situation in den Kliniken und was Versicherungen angeht. Es sind ja ohnehin in Kenia nur rund 40% aller Menschen überhaupt versichert, nämlich dann, wenn sie angestellt sind oder wie bei uns alle Kinder. Alle Versicherungen des Landes haben aber gleich im März schon erklärt, dass sie keinerlei Kosten in Zusammenhang mit Covid übernehmen, also auch dann nicht, wenn man gut versichert ist. Nun ist vor Kurzem ein Arzt gestorben, der sich im Spital infiziert hatte, die Versicherung hätte ihm die Behandlung nicht zahlen wollen (so einmal Intensivstation ist mehr, als ein Kenianer, selbst wenn er ganz gut verdient, in seinem ganzen Leben verdient), er wusste nicht, was er machen sollte und ist innerhalb kurzer Zeit unbehandelt gestorben. Ja und seit gestern streiken nun die Ärzte in allen öffentlichen Spitälern in Kenia, dass sie sich unter diesen Umständen der Gefahr nicht aussetzen, und jetzt liegt der Ball bei der Regierung.

Auch alle Lehrer natürlich, die ja alle versichert sind, würden im Ernstfall die Behandlungskosten für Covid nicht erstattet bekommen. Im Grunde liegt da die Versuchung nahe, eine andere Diagnose zu erfinden.

Tsamas Frau Eve ist ja Krankenschwester im Aga Khan Hospital und bestätigt ebenfalls, dass teilweise die Situation dramatisch ist. Im April hat man sogar Krankenhäuser einfach dicht gemacht, weil es keine Betten mehr gab und kein Personal.

Es gibt auch keine Massentests oder Tests in der Apotheke. Ich selbst habe daheim ja versprochen, einmal pro Woche lasse ich mich testen. Dafür gibt es in der gesamten Region genau ein Krankenhaus/Labor, KEMRI. Und da nur testen geht, wer glaubt, Symptome zu entdecken, denn der Test kostet, werde ich auf jeden Fall einen „ich komme außerhalb der normalen Zeit-Termin“ vereinbaren und das gern bezahlen.

Und wenn ich mir das so alles anhöre und trotzdem diese Gelassenheit, Fröhlichkeit, Frustrationstoleranz erlebe bei Menschen, deren Leben auch ohne Covid um so viel schwerer ist als unseres, davon könnte man lernen.

Ach ja – was es natürlich einfacher macht, derzeit haben wir hier 32 Grad.

Morgen werde ich zuerst mit unseren engsten Mitarbeitern, genannt Boygroup, obwohl inzwischen 3 Frauen dabei sind, Frühstücken gehen. Dabei entstehen immer so herrliche Gedanken, Gespräche, Ideen und wir haben mindestens zwei Stunden viel zu Lachen.

Und im kommenden Beitrag erzähle ich, warum wir mit unserer Schule die Krise so gut geschafft haben bisher, zumindest sehe ich es so, keine Schüler verloren haben, selbst die Lerndefizite nicht sooo exorbitant sind und was wir alle daraus lernen wollen.

Gabriela Vonwald

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