Einige haben schon gefragt und ja, bald geht es los. Wir beginnen behutsam mit der Auswahl der Kinder für die PP1 und Babyklassen 2027.

Und viele interessiert, wie wir das denn machen, also, wie wählen wir aus, wie „finden“ wir die Familien, gibt es da einen bestimmten Tag und – wie viele nehmen wir?

Also zunächst einmal – nein, es gibt keinen bestimmten Tag. Wir alle halten es für ziemlich entwürdigend, 100 Familien oder mehr an einem Tag oder auch nur innerhalb weniger Tage wie Bittsteller aufmarschieren zu lassen, ihnen einen ganzen Tag ihrer Zeit zu stehlen und zu zeigen, wie mächtig wir sind. Also, ein Casting gibt es nicht.

Die Familien bringen die Geburtsurkunde ins Büro. Zu den ganz normalen Öffnungszeiten. Nicht als Bittsteller, sondern als Kunden, die um einen Platz in der Schule ansuchen. Dafür gibt es eine Frist bis zum…Das wird so ausgeschrieben und man sagt sich das weiter oder man kann es im Büro erfragen. Dazu die Adresse und gleich – wie weit ist das von der Schule oder von unseren Schulbussammelstellen entfernt, kann das Kind zu Fuß gehen.

Diese Geburtsurkunden werden dann gesichtet. Passt das Kind vom Alter her. Also für PP1 nicht älter als 4,5 und nicht jünger als knapp 4. Für Babyklassen zwischen 2,5 und 3 Jahren, lieber 3 als jünger.

Ja, und dann schwärmen alle unsere Sozialarbeiterinnen aus. Also, nicht die Familien kommen zu uns, sondern wir kommen zu den Familien.

Und da wird geschaut, wie viele Kinder gibt es in der Familie, unterstützen wir schon wen, gibt es beide Eltern, gibt es Kinder mit Behinderungen oder andere Härtefälle, wie groß ist die Armut, werden die Eltern wenigstens Schuluniformen schaffen, Hefte und die erforderlichen kleinen Beiträge zu den Ausflügen usw. Wir schauen auch auf die Kinderzahl, wie sind die älteren Geschwister versorgt, gibt es Große, die gerade in der Highschool sind oder im College und daher alles Geld der Familie blockieren? Hier helfen wir eher, als wenn es nur zwei Kinder gibt im Volksschulalter und beide Eltern kleine Jobs haben. Wie ist generell die Einstellung der Eltern zu Schule und zum Lernen, werden sie zu den Elternmeetings kommen und aktiv ihr Kind unterstützen. Und natürlich werden Fotos gemacht.

Für muslimische Kinder kommt dazu unsere Regel, Kopftuch erst ab 14 und beim Sport gar keines, das Kind nimmt an allen Sportarten teil.

Und wir legen klarerweise gleich zu Beginn fest, wie viele nehmen wir denn auf. Und hier sind wir eher anfangs restriktiv und sagen – mal in jeder der beiden Schulen nur 20. Unsere Erfahrung sagt, mehr werden es immer noch durch Härtefälle im Laufe des ersten Trimesters. Manchmal brauchen Kinder dringend Hilfe, nicht nur in PP1. Wenn wir aber jetzt schon alles vollstopfen – wir sind eine Schule, die bis zur Matura/Abitur läuft. Was, wenn wir in den höheren Klassen Notfälle einbuchen müssen? Dann sind wir irgendwann bei 40 oder 50 Kindern pro Klasse. Wir lassen uns also Reserven. Und es sollen ja auch alle Kinder Paten finden.

Und Babyklasse, da wollen wir wirklich nur sehr viel weniger Kinder, meine Vorstellung derzeit liegt bei 16 mit zwei Betreuer/innen, ich bin aber auch bei 14 nicht unglücklich. Wir müssen mit den Kleinen nicht Geld verdienen. Ich halte es für absoluten Wahnsinn, 30 3jährige zusammen zu pferchen, egal wie schön die Schule ist oder wie groß das Klassenzimmer. Nicht einmal mit 3 Betreuungskräften gefällt mir das, denn den ganzen Tag permanent mit so vielen anderen Kindern zusammen sein, ich glaube ganz bestimmt, dass das maximalen Stress erzeugt. Außerdem geht es ja bei Babyclass nicht unbedingt und zwingend im darauffolgenden Jahr in die PP1 weiter. Manchmal, wenn es vom Alter passt, bleibt ein Kind ein weiteres Jahr dort, vielleicht, weil es noch Defizite hat. Bei 30 Kindern wäre das auch für uns zu viel interner Stress.

Wenn dann eine Vorauswahl gemacht wurde, ja, dann bekomme ich es auf meinen Tisch. Lieber wäre mir, ich wäre vor Ort, aber inzwischen hab ich glaube ich, ein gutes Gespür. Und dann sitze ich und meditiere über jedem Kind, halte nochmals Rücksprache, schicke vielleicht noch einmal wen zur Familie.

Manchmal sieht die Entscheidung dann auch so aus – zu uns nicht, aber in die Hope und wir zahlen die Schulgebühr. Oder nach Old Ferry oder irgendeine andere öffentliche Schule und in ein paar Jahren schauen wir dann.

Warum diese letzte Entscheidung bei mir liegt (oder uns, denn auch Sarah wird da mitentscheiden) und nicht in Kenia? Natürlich können die das. Aber – die müssen dort leben, sind vielleicht mit wem befreundet oder verwandt. Sind benachbart.  Die Versuchung ist groß und auch der Vorwurf, warum hast du nicht mich genommen, wir kennen uns doch schon seit der Schulzeit. So können alle sagen, letzte Entscheidung wird in Europa getroffen.

Und der letzte Schritt? Beten und hoffen, dass alle meine Kleinen ganz schnell Paten finden.

Gabriela Vonwald

 

 

Oder auch – nichts ist so beständig wie der Wandel.

Und ja, bei uns ändert sich im kommenden Jahr etwas wesentlich. Und ja, ich habe lange Zeit gesagt, nein, machen wir nicht. Aber – ich lasse mich auch überzeugen. Ich beobachte, diskutiere in Kenia mit vielen unterschiedlichen Menschen, wäge ab und erkenne, wenn ich vielleicht Dinge zu eng sehe, auf dem Holzweg bin. Oder auch, wenn sich Strukturen geändert haben, es einen demographischen Wandel gibt.

Und zu diesen Änderungen gibt es auch eine eigene Podcast Folge und einen Newsletter (hier aber stark gekürzt).

Es wird im neuen Jahr eine Babyclass geben. Also 2-4jährige.

Ja, ich war dagegen, weil ich es als Mama sehe und mir immer denke, sollten Kinder nicht, wenn sie so klein sind, daheimbleiben. Mit ihrer Mama, Papa, Oma? Und ja, in Kenia gibt es doch Großfamilien, oder? Hört man doch immer.

Aber – ich muss einfach eingestehen, Familien wie die von meinem lieben Karani sind zunehmend eine Seltenheit. Viel häufiger findet man heute die Kleinfamilie wie bei uns oder alleinerziehende Mütter. Keine Oma, Tante, Schwägerin mehr. Manchmal findet sich eine ältere Tochter, die aber dann schulisch darunter leidet, weil sie auf jüngere Geschwister aufpassen muss. Denn Mütter müssen arbeiten, sonst verhungern sie und die Kinder. Familien zerbröseln wie überall.

Und ein weiterer Grund, warum ich mich gewehrt hatte – sollten einige Erziehungsmaßnahmen nicht in der Familie bleiben? Ich weiß, der sozialistische Traum bzw. für mich auch immer der Traum von autoritären Systemen – Kinder früh weg vom Einfluss des Elternhauses. Ist doch so, oder? Aber dann kamen immer wieder Lehrer und baten um eine Klasse vor der eigentlichen Klasse. Denn PP1 ist schulisch. Da gibt es einen Lehrplan. Und immer wieder hörte ich – wir verbringen allein das erste halbe Jahr nur damit, Kindern Hände waschen beizubringen, eine Toilette zu benutzen und nicht neben den Klassenraum zu pinkeln, sitzen bleiben, halbwegs vernünftig zu essen.

Und es stimmt. Wenn das Elternhaus etwas nicht leisten kann, was aber im Leben gefordert wird, dann haben wir als Schule die Pflicht, die Bürde, das Vergnügen. Und wenn man Kinder in Ruhe wachsen lassen will, benötigt man dazu ein Jahr, indem sie das dürfen, indem noch keine weiteren schulischen Anforderungen auf sie einprasseln.

Und vor allem bei uns heißt dies ja auch – die Wahl zwischen andere Kinder zum Spielen, schöne Spielsachen, etwas zum Essen oder – niemand kümmert sich, die Nachbarin schaut mal vorbei, man wird einfach im Schatten geparkt, kein Essen, keine Spielsachen, keine Förderung. In Kenia wird selbst in gebildeten Familien nicht vorgelesen oder Lego gespielt.

Also Babyclass oder auch Daycare, wie es so heißt. Wir werden maximal 16 Kinder nehmen, dazu 2 Betreuerinnen, speziell ausgebildet, also ein Betreuungsschlüssel besser als hier bei uns. Und richten dazu jetzt einen Raum sehr liebevoll her, farbig, kuschelig, Sarah und ich kaufen schon wie verrückt Dinge ein, alle freuen sich. Denn wenn schon, dann wird es die schönste und am besten betreute Kleinstkindergruppe in ganz Kilifi County, wenn nicht an der Küste. Und ich denke, um Paten braucht man sich bei 2-3jährigen auch wenig Sorgen machen.

Derzeit wird es die Babyclass nur in der Vonwald 1 geben, aber wer weiß, vielleicht 2028 dann Tezo auch.

 

Es ist geschafft. Wieder hat ein Jahrgang die Matura (Abitur) geschafft, also soll heißen, die letzte Prüfung war am Freitag, dann eine kleine Party und Ansprachen, ja – und dann geht es hinaus ins Leben. 51 junge Menschen können sagen – Schule abgehakt.
Wir versuchen immer, diese drei Wochen rund um die Prüfung so fein wie möglich zu machen. Die Kinder/jungen Menschen sind ja in Boarding, bekommen gutes Essen, können am späten Nachmittag und Samstag/Sonntag schwimmen, Basketball spielen, Musik machen. Es soll eine Zeit für sie sein, die sie nicht nur als belastend empfinden, sondern die sie auch als eine tolle letzte Schulzeit in Erinnerung behalten.
Jetzt sind mal alle zuhause, Weihnachtsferien mehr als verdient.
Im Januar sammeln wir dann alle wieder ein und erklären nochmals, was jetzt zu tun ist: ID-Card beantragen, Bankkonto eröffnen, manche bekommen von ihren Paten den Führerschein geschenkt, da wäre jetzt Zeit. Und sobald dann, meistens gegen Mitte/Ende Januar die Resultate vorliegen, geht es an die Karriereplanung. Und das ist eine Wissenschaft. Gesamtnote, Note in einzelnen Fächern, welche Interessen und – mein Anliegen – was braucht die Gesellschaft, die Wirtschaft, der Staat?
Dann, sobald mal klar ist, was ist möglich und realistisch, einloggen in ein zentrales Register und Ansuchen um Stipendium. Ohne würden wir das auch mit drei oder vier Paten nicht bewältigen können. Dazu Gespräche mit den Eltern, die meistens keine Meinung haben, sich nicht auskennen, die aber ins Boot geholt werden müssen.
„Dies sind eure Kinder, nicht unsere. Ihr müsst Verantwortung übernehmen“. Zumindest für das Essen aufkommen oder die Miete im Hostel, je nach Möglichkeiten.
Danach dauert es. Colleges starten ganz unterschiedlich, manche im März, manche im Mai. Aber für die Unis heißt es warten bis September.
In der Zwischenzeit bieten wir einigen der Kandidaten Mitarbeit bei uns. In der Schule, auf der Farm, aber auch in unseren Partnerschulen oder in der Special Unit Klasse. Du willst Sozialpädagogik studieren oder Lehrerin werden – na dann, hol dir schon mal Praxiszeit. Und dafür zahlen wir bzw. die Paten ein kleines Taschengeld, weil wir den Patenbeitrag normal weiterlaufen lassen.
All das verlangt viel Logistik, Mitdenken und – Liebe. Man muss sich wirklich für jedes Kind interessieren. Und da bin ich froh über das großartige Team vor Ort.
Eins meiner persönlichen Mädchen, Sophia, ist auch gerade fertig mit der Matura. Seit der 8. Klasse liegt sie mir in den Ohren mit einem Handy. Das sie jetzt bekommen hat. Da ich ja immer auch viele Kinderfotos aller unserer Kids habe, ist das meistens eine der ersten Aktionen, die ich mache – ich schicke ihnen ihre Vergangenheit. Immer mit den Worten – I kept your memory.
Man muss sich ja vorstellen, keins dieser Kinder hat irgendwelche Fotos aus dem Leben. Nichts. Und sie sind so gerührt. Und ich bekam gestern zurück – „Mum, I see who I was and who I am now. And sometimes I want to be the little girl again.”
Das kennen wir alle, oder? Man freut sich auf – endlich keine Schule mehr – und wenn der Tag dann da ist, möchte man wieder zurück schlüpfen und klein sein und ohne Verantwortung. Dass diese Verantwortung aber nicht zur Bürde wird, dafür versuchen wir zu sorgen in einem Land, indem diese Kids aus der Armut keine Vorbilder haben, keine Leitbilder im Elternhaus.
Die Vonwald-Schule wird immer ihr Zuhause sein, und viele von ihnen werden irgendwann zurück kommen und bei uns arbeiten.
Kreislauf des Lebens.

Wie ich schon ganz oft erwähnt habe, arbeiten wir in Kenia engmaschig mit dem Jugendamt zusammen. Und ich gebe es zu, anfangs war ich skeptisch, empfand es als kleine Schikane, warum müssen wir extra eine Sozialarbeiterin anstellen, die wöchentlich dem Jugendamt Bericht erstatten muss, die aber wir bezahlen dürfen. Warum Kontrollen, wir sind doch die Guten.

Vor allem auch immer wieder die Frage – das Gesetz sagt, jede Hilfsorganisation, egal ob Inland oder vom Ausland, egal ob CBO oder NGO – sobald man mit Kindern arbeitet, also eine Schule betreibt, eine Nursery, egal was, ist es verpflichtend, diesen Link zum Jugendamt zu installieren. Warum ist man bei uns so streng und im Land tummeln sich gefühlt einige tausend Wildwuchs-Nurseries jeder Größe, die das nicht haben. Mir wurde heute wieder in einem Gespräch bestätigt – die sind nur noch nicht erwischt worden.

Schon unsere Sozialarbeiterin Eva hatte mich vor Jahren überzeugt, dass diese Verlinkung etwas Gutes ist. Immer wieder mal bei einer Schwangerschaft, bei Missbrauch in der Familie, bei plötzlichem Verlust von Eltern – das Jugendamt hat uns gut unterstützt.

Heute nun war ich persönlich dort, hatte einen Termin mit dem Leiter dieses Amtes, der jetzt seit einem Jahr für unsere Region Kilifi Nord zuständig ist, und ich muss sagen, ich bin schwer beeindruckt. Volle zwei Stunden sehr gutes Gespräch auf sehr gutem Niveau.

Zuerst wieder das Thema – unser TCC-Haus. Ob er sicher davon ausgehen könne, dass dies praktisch nur ein Boarding für die jüngeren Kinder sei, also keine Unterbringung während der Ferien. Wochenende sei okay, da wir alle diese Kinder bei uns in der Schule hätten, aber nur deshalb. Es wurde ihm einige Institute gemeldet, die sich da wohl nicht dran halten, die werden jetzt alle besucht, untersucht, haben die sich überhaupt beim Jugendamt registriert usw. Hab ich ihm versichern können.

Aber dann. Was mich sehr beeindruckt hat, was mich zum Nachdenken bringt war – glaub nicht alles, was man dir erzählt. Glaub nicht allen Müttern, dass sie alleinerziehend sind. Glaub nicht, dass sie sich keine Hefte leisten können. Viele Familien sind durch deine Hilfe heute in einer Situation, wo sie etwas beisteuern können. Aber das musst du verlangen.

Als er meinen entsetzen Blick gesehen hat, meinte er aber gleich – nicht du. Für dich ist das schwierig. Ihr glaubt immer gleich, wenn ihr durchgreift und sortiert, würde man euch des Rassismus beschuldigen oder der Herrenmenschenmentalität. Lass uns das machen. Lass dir helfen.

Er hat mir berichtet, dass die Vorgabe der Regierung ist – Eltern mehr in die Verantwortung nehmen. O-Ton: „Ich bin selbst Kenianer. Wir sind so – gib uns etwas, wir nehmen. Egal ob wir es brauchen oder nicht.“ Was die Regierung also noch mehr verlangt, ist – Hilfe zur Selbsthilfe. Aber eben – nimm ihnen nicht alles ab. Ihre Kinder, ihre Verantwortung.

Also eigentlich das, was ich schon ständig versuche, was aber nicht ganz gelingt, weil ich einfach nicht die sein KANN, die ihnen streng kommt. Er meinte auch, er habe ja, weil das Pflicht ist, von Eva zu jedem Kind einen genauen Bericht bekommen. Er stellt uns jetzt 20 – in Worten zwanzig – Sozialarbeiterinnen zur Verfügung, diese Berichte alle durchzugehen. Auch wieder O-Ton:

„Viele Mütter geben an, Vater verschwunden, verstorben, unbekannt. Ich verspreche dir, 60% dieser Väter treibe ich auf.“

Und – die wollen Verantwortung übernehmen, vielfach wird ihnen aber der Zugang zum Kind komplett verwehrt. Von den Müttern. Die sich dann danach auch nicht mehr kümmern.

Er hat mir sogar erzählt, dass er Eltern in Beugehaft nimmt, wenn sie sich nicht gut um ihre Kinder kümmern. Er meint, das würde immer helfen. Immer. Wenn wir Eltern nicht in die Verantwortung nehmen, sei es leicht, zehn Kinder in die Welt zu setzen. Das müssten wir gemeinsam ändern. Zum Beispiel dadurch, dass wir Eltern, die einen Job haben, die das leisten können, ein kleines Schulgeld zahlen lassen, das Mittagessen zahlen lassen, die Krankenversicherung zahlen lassen. Und wenn es wirklich Extreme geben würde, sollen wir es sagen, sein Amt habe immer die Möglichkeit, mit einem Essenspaket einzuspringen.

Ich bin sehr geflasht und hab das Gefühl – ja, das ist der Weg. Lassen wir uns helfen. Wir haben gleich mal 180 Packungen Damenbinden mitbekommen und wie gesagt das gute Gefühl, man nimmt uns ernst, schätzt, was wir tun (er meinte, ohne uns würden von den 1200 Kindern und jungen Menschen, die wir gerade im Projekt haben, 1000 auf seinem Schreibtisch landen), wir sollen aber den Eltern die Verantwortung nicht abnehmen.

Ich bin nun sehr gespannt, was er und Eva da basteln werden. Zwei Dinge haben wir gleich beschlossen. Am  24. Juni haben wir alle Eltern zu einem Meeting eingeladen, wie immer, wenn ich da bin. Da wird er dabei sein und sein Wort an die Eltern richten. Mit der Autorität seines Amtes. Und wenn wir im November die neuen PP1 einschreiben, wird jemand vom Jugendamt dabei sein und alle Aussagen der Eltern sofort überprüfen. Alles frei gibt es dann nur noch für die, die es wirklich brauchen. Für alle anderen gibt es ein reduziertes Schulgeld oder eine Gebühr fürs Mittagessen.

Ich fühle das Gewicht auf meinen Schultern ein bisschen weniger.

 

 

 

 

Kenia ist ein Land der Wettbewerbe und das schon von ganz klein auf. Und immer im ersten Trimester beginnen alle Schulen, sich auf so viele dieser Wettbewerbe vorzubereiten wie nur irgendwie möglich. Alle wollen dabei sein und sich messen.

Zunächst muss man dazu wissen, dass schon immer, mehr aber noch mit dem kompletten Neubau des Schulsystems, Sport und Kunst (Performing Arts) einen sehr sehr hohen Stellenwert in Kenia haben. Es gilt, Talente zu entdecken und diese auch zu fördern. Eine gute Schule identifiziert sich hier auch über die Pokale, die sie in der einen oder anderen Sportart, in kulturellem Tanz oder Theater, in Vers rezitieren oder Trommeln erreicht. Und Sport ist in allen Köpfen, egal ob Mädchen oder Buben, auch Erwachsene machen irgendeinen Sport. Unsere Mitarbeiter nutzen unseren Basketballplatz am Abend nach der Arbeit, jetzt unseren Pool, machen untereinander Wettbewerbe, selbst wenn alle am nächsten Tag Muskelkater haben.

Und das beginnt schon bei den Allerkleinsten, 4 und 5 Jahre alt.

Man macht zur Vorbereitung das ganze Jahr über einfach Freundschaftsspiele, dann geht es los.

Voraussetzung ist immer, dass sich die Schule am Beginn des Schuljahres registriert. Hierzu muss der Verantwortliche für Sport und Spiel (ganz allgemein heißt die Gesamtheit von allem schlicht und einfach „games“) beim Ministerium antanzen und für alle Kinder zahlen. Nein, nicht nur für die, die teilnehmen. Auch für solche, die lieber lesend in der Bibliothek sitzen. Natürlich kommt man nicht nachzählen, ob wir nun 680 oder 640 registrieren, so ungefähr hat man die Population ja im Blick, es gibt ja ständig Inspektionen. Außerdem sind wir gute Zahler, kommen pünktlich, feilschen nicht herum, betrügen nicht, fragen nicht um Ratenzahlung. Schon das reißt uns ein Loch ins Budget, denn das kostet uns allein mal schnell 4000 Euro. (Wir haben natürlich alle Kinder aus beiden Schulen registriert)

Dann geht es los.

Man beginnt mal ganz harmlos im Bezirk (Ward – das wäre bei uns Kibaoni), wobei vom Vorjahr platzierte Schulen das auslassen dürfen und gleich auf Subcounty-Ebene beginnen. Heißt bei uns – Kilifi Nord, die ersten und zweiten kommen weiter auf County-Ebene, also gesamt Kilifi County. Von dort gehen die Besten auf Regional, heißt bei uns, die gesamte Küste. (Mich frisst übrigens der Neid, dass ich da nicht vor Ort bin, es findet diesmal in Lamu statt). Und dann – National.

Was mir hier unglaublich gefällt ist nicht nur, mit welchem Eifer Kinder und Trainer dabei sind, sondern auch, wie ernst das die ganze Schule nimmt. WIR gewinnen oder verlieren, nicht einzelne Kinder. Die Kinder bringen den Pokal für alle mit. Und wenn sie zurück kommen werden sie gefeiert, es wird getanzt und gesungen, großes Fest. Und schon die Kleinsten (hier ist die Wertung ein wenig anders, es werden aus insgesamt 5 Bewerben einzeln die besten ausgewählt und es endet bei County) werden als kleine Helden gefeiert.

Und jemand, der vielleicht in Mathe nicht so glänzt, gleicht das für sich durch Basketball aus oder weil er/sie im Chor ist oder bei den Pfandfindern. Und nein, wir machen nicht bei allem mit, konzentrieren uns jedes Jahr auf die Bewerbe, wo wir ausreichend und gute Schüler haben und wo wir auch gute Trainer engagieren können. Dieses Jahr lassen wir zum Beispiel Theater aus.

Ich weiß, dass ja in Europa der Trend dahin geht (oder nein, nicht Europa, Deutschland vor allem) diesen Wettbewerbsgedanken abzuschaffen, es würde ein Kind zu sehr verletzen, wenn es nicht gewinnt. Oder so ähnlich.

Und ja, was hier anders ist, es gibt kein – ein Team wählen, wir denken hier bei uns an Völkerball und klein und dick bleibt übrig, und auch keine verpflichtende Sportart die alle machen müssen. Außer Schwimmen als Lifeskill, aber nach drei Jahren das Seepferdchen schaffen, fein, reicht. Die Teams, von denen ich rede, suchen sich ihren Sport aus und nur den oder maximal ein zweites Hobby wird betrieben. In Basketball gibt es also nur solche, die Basketball lieben, freiwillig dabei sind und alle entsprechend gut.

Ich hab diese europäische Angst hier diskutiert mit Lehrern, Eltern, Kindern. Vielen Kindern, auch solchen, die in keinem Bewerb sind, die einfach nur lesen wollen oder häkeln. Alle, wirklich alle, haben mit vollkommenem Unverständnis reagiert. Warum soll es keine Gewinner und Verlierer geben, es geht doch nur um diese Sportart oder diese Aktivität. Es sind doch keine Verlierer als Menschen.

Ich hab erklärt, dass man bei uns denkt, es würde etwas mit Kindern machen, wenn sie sehen und erleben würden, dass andere einen Pokal bekommen und sie nicht.

Und dann hat mir ein Kind etwas gesagt, da musste ich fast weinen ob solcher Weisheit.

„Erzieht ihr eure Kinder denn nicht dazu, dass sie stolz sind auf sich, egal was sie tun?“

Einfach zum Nachdenken.

Ich bin erschöpft!

Und der Grund heißt „Pubertät“. Denn ganz offenbar sind die Auswirkungen dieser Lebensphase in jedem Land der Welt die gleichen, und ja, das ist anstrengend. Zumal in meinem Fall dazu kommt – man muss es am Ende aus der Ferne managen. Und ich sitze zwischen zwei Stühlen. Oder sogar noch mehr Stühlen. Da sind einmal die Kinder, denen man helfen möchte, auch wenn einige es einem schwer machen. Da sind aber auch die Lehrer und das gesamte Personal, die sich nicht auf der Nase herumtanzen lassen können. Und da sind die Sponsoren, jeder einzelne möchte das beste für das „eigene“ Kind, dennoch bin ich auch verpflichtet, sorgsam mit dem Patengeld umzugehen. Und nur Schule als nettes Hotel zu betrachten, das ist nicht der Sinn der Sache.

Ich habe ja schon ganz oft darüber diskutiert, wer braucht eher Hilfe in einem Dritte-Welt-Land, Mädchen oder Buben. Und ich weiß, die gesamte westliche Welt hat sich auf Mädchen geeinigt.

Als ich angefangen habe, dachte ich das auch, war die typische Mädchen-Mama und einige aus der Anfangszeit werden jetzt langsam fertig oder studieren erfolgversprechend. Aber es war mühsam. Heute habe ich mich zur Buben-Mama gewandelt.

Mein Credo – ganz ohne Pubertät – wenn wir die Buben vernachlässigen, vor allem die älteren, die nicht mehr niedlich sind, werden daraus ganz leicht gewaltbereite, aggressive Männer. Arbeitslos, ganz oft Drogen und Alkohol, und ja, die finden sich eine Frau. Aber diesen Frauen geht es nicht gut. Gut ausgebildete Männer dagegen, und ich habe in 18 Jahren viele davon gesehen, behandeln ihre Frauen gut, zeugen nicht Mengen von Kindern und schicken diese auch zur Schule.

Was aber für mich als Schulleiterin dazu kommt – in der Pubertät sind Mädchen einfach um vieles schwieriger als Buben und reißen manchmal ganze Klassen mit. So wie jetzt gerade. Eigentlich wollen sie nicht lernen, sie wollen sowieso heiraten und Kinder, der Mann soll dann arbeiten, wieso sollen sie sich in Chemie plagen oder in Mathe. Sie haben Menstruationsprobleme, Kopfschmerzen, Kreislauf, fühlen sich müde und überhaupt, es ist heiß oder es regnet. Nicht übertrieben. Und dann kommt bei den Mädchen noch eines dazu – Witchcraft – Hexenzauber.

Eine nicht geschaffte Prüfung liegt natürlich nicht daran, dass man zu wenig gelernt hat. Nein, irgendwer hat sie verhext, weil sie so hübsch ist, hübscher als die Banknachbarin, die wars.

Heute hatten wir 14 Mädchen aus Form 2 (also zweite Klasse Highschool) denen allen gleichzeitig schlecht wurde und schwindlig. Es kam ein Team vom Spital angerückt, macht natürlich ein tolles Bild im Ort, vielleicht ja doch eine Krankheit, Lebensmittelvergiftung. Komisch nur, heute sind Schularbeiten. Dann von allen, sie wurden verhext.

An manchen Tagen bin ich ganz dicht davor, alles in eine reine Bubenschule umzuwandeln. Auch Pubertät, Raufereien, schlechte Noten, aber dann geht man Basketball spielen zusammen und gut ist. Keinerlei Hexenzauber.

Am Freitag bin ich schon vor Ort, da gibt es Ansprache.

Die 14 Mädchen von heute haben wir übrigens zur Erholung heimgeschickt, Vor dem Mittagessen, kocht euch zuhause was. Das hilft dann meistens.

Gabriela Vonwald

 

Heute früh am Morgen kam unser Klavier in der Schule an. Aus Nairobi, die ganze Nacht unterwegs. Gebraucht natürlich, aber ein gutes Markengerät, gewartet und auch gleich mit dem Klavierstimmer angereist.

Und jetzt steht es auf der Bühne unserer neuen Halle und wartet auf die ersten kleinen oder größeren Hände, die ihm Töne entlocken.

Und warum jetzt auch noch ein Klavier?

Zunächst einmal, es ist mein Einstandsgeschenk für die neue Halle und weil alle unsere Kids im ersten Trimester so großartige Leistungen erbracht haben. Und der weitere Grund für mich ist, Musik lernt man nur mehr schlecht als recht auf einem keyboard. Ich möchte ihnen gern eine andere Art von Musik vermitteln, Noten lesen, altmodische Stücke vielleicht auch – Musik berührt das Herz überall gleich. Normalerweise gilt in Kenia Musik nur dann als Musik, wenn laut und über Lautsprecher zu erzeugen.

Mein Francis studiert jeweils in den Ferien in Nairobi in der Kunsthochschule Piano und Komposition. Er wird das managen, alle freuen sich, alle sehen es als was ganz Kostbares an.

O-Ton Francis: „She is giving us the same opportunity like she gave to her own children, like European children have. This is nothing but just pure love.“

Und parallel dazu hab ich mir in Österreich auch eines gekauft – man wächst ja mit den Kindern mit. Ich lerne also auch.

Und sie sind alle völlig fasziniert, dass so ein Klavier hundert Jahre alt „werden kann“. In einem Land, indem man schon Dinge als alt ansieht, die 10 Jahre alt sind, finden das alle erstaunlich. Und haben mir morgens schon vorgerechnet, wieviele kenianische Kinder eine neue Perspektive auf Musik bekommen.

Jetzt also auch Klavier.

Gabriela Vonwald

Ich hab gerade Gänsehaut vor Freude und Begeisterung. Denn soeben kam die Nachricht:

Unser Basketball-Team aus der Junior High, zwei unserer Leichtathletikmädchen (Dreisprung und 200m-Lauf), unsere 4 Schwimmer/innen, alle haben erste Plätze belegt und vertreten die gesamte Küste in Machakos auf nationaler Ebene.

Zusätzlich in Performing Arts unsere Tänzergruppe Highschool und zwei Kinder im Bewerb „Spoken Words“ – also Vortrag. Sie fahren schon diesen Samstag zum nationalen Bewerb nach Embu.

Und ich fühle mich wie eine Eislaufmama und könnte heulen.

Unsere Kinder, teilweise Waisen, aus Analphabetenfamilien, bisher nur in einer Lehmhütte zuhause, ziehen in die Welt, begeistern mit ihren Talenten und ihrer Disziplin, denn solche Leistungen schafft man nicht mit herum trödeln.

Im Schwimmen mussten wir jetzt im Regionenbewerb gar nicht antreten, weil es keine Konkurrenz gab. Das muss man sich mal vorstellen, aus der gesamten Küstenregion von Malindi bis hinunter zur Südküste gab es keine Schule, die es bis dahin geschafft hatte. Wir leben am Meer.

Und das macht mich dann bei aller Freude auch wieder traurig, denn es sagt ja nichts über Talente aus. Unsere Kids sind nicht talentierter als viele in anderen Schulen. Der Unterschied ist nur, wir fördern diese Talente.

Und es bestärkt mich darin, alles, was wir jetzt in Sportanlagen investieren – Basketball, Rollball, Skaten – auch anderen Schulen zu eröffnen. Und – alles zu versuchen, noch dieses Jahr ein Schwimmbecken zu bauen. Damit unsere trainieren können, damit aber auch andere Schulen ihren Kindern das bieten können. Den Namen gibt es schon – Vonwald Dolphins;-))

Vielleicht gibt es ja Sportler, die hier mitlesen, die gern bei einer Sportart Pate sein wollen und uns unterstützen.

Und heute Abend gibts Party.

Gabriela Vonwald

 

 

 

Das Mädchen auf dem Foto heißt Rukia und sie hätte ohne uns nicht die geringste Chance gehabt auf ein selbstbestimmtes Leben. Denn Rukia war, als ich sie traf, 9 Jahre alt und hatte nie eine Schule besucht. Eine Klasse Vorschule, dann war das Geld aus. Der weitere Lebensweg solch eines Mädchens wäre – frühe Heirat, damit wenigstens ein bisschen Geld rein kommt (der Brautpreis) und eine Esserin weniger, viele Kinder, ein Leben in einer Lehmhütte irgendwo.

Ich traf Rukia – oder sollte ich besser sagen sie traf mich – in der Kirche. Viele wissen ja, ich habe mit meinem privaten Geld (also keine Spenden) eine Kirche für die Gemeinde gebaut, weil es mir ein Bedürfnis war und weil ich der Meinung bin, eine Gemeinschaft braucht auch ein soziales Zentrum, was eine Kirche eigentlich sein sollte und bei uns auch eben inzwischen ist. Diese Kirche besuche ich gelegentlich, wenn ich vor Ort bin. Und Rukia saß mit ihrer blinden großen Schwester in der ersten Reihe. Und sie fixierte mich nonstop, fast ohne Blinzeln. Kennt ihr das, wenn man nach einer Weile merkt, da schaut mich jemand intensiv an? Man muss zurück schauen. Unsere Blicke trafen sich, wie immer passierte irgendwas Magisches, jedenfalls rief ich sie zu mir.
Sie wollte lernen, zur Schule gehen, war hungrig nach mehr als nur zuhause herum sitzen.
Also Besprechung mit unserem Team. Bekommen wir das hin? Wir können sie nicht im Kindergarten beginnen lassen, vom Alter her würde sie sogar in die 3. Klasse gehören, aber falls wir es hinbekommen, sie in einem Jahr von Null auf zweite Klasse zu bringen, dann würden wir und sie es schaffen.
Also setzten wir sie in die erste Klasse und sie bekam täglich Nachhilfe von Madam Edith. Und Rukia lernte schnell, sie wusste, ihre Chance.

In den Weihnachtsferien, schon früh im Dezember, tyrannisierte sie ihre Mama, bitte ruf Madam Edith an, ich will mit ihr sprechen. Und Edith erzählte mir gestern im Chat, ja, erste Frage der Kleinen: „Teacher, wann darf ich wieder in die Schule?“ – Antwort Edith, „nach den Weihnachtsferien, also nächstes Jahr“ – „Wann ist das, dauert das noch lange, ich halte es nicht mehr aus, ich will wieder lernen.“
Wundert es irgendwen, dass sie jetzt in Klasse 2 sitzt? Dieses Mädel wird sich nciht mehr vom Weg abbringen lassen. Es zeigt aber auch die Einstellung unserer Lehrer und Lehrerinnen – denn Edith hat das unbezahlt in ihrer Freizeit gemacht.
Ich freue mich jedenfalls sehr, wenn ich die Kleine schon bald sehe.

Gabriela Vonwald

Für Millionen Kinder aller Schulstufen beginnt morgen in Kenia das neue Schuljahr, viele davon starten mit der ersten Klasse Vorschule, genannt PP1 – wie aufregend für die 4jährigen Zwerge. Andere beginnen mit Grade 1, bei uns wäre das die Volksschule, wieder andere wechseln nach Klasse 8 aus dem alten System in die 4jährige Highschool, für alle Eltern eine besondere Herausforderung.

Und egal welche Schule, welche Klasse, welche Region – für die Eltern kommen erhebliche Kosten auf sie zu. Zwar ist offiziell die Grundschule, also im alten System bis Klasse 8, kostenlos, aber schon dieses alte System kannte offen gezeigte und unter der Hand vorhandene Schlupflöcher. Offen notwendig sind einmal Schuluniform (verpflichtend), ordentliche Schuhe und Bücher. Bücher werden in Kenia nicht von der Schule gestellt, sondern müssen von den Eltern gekauft werden – außer bei uns. Bei einem Volksschulkind, das jetzt in Grade 1 beginnt, sind allein das alles schon Kosten von rund 50 Euro. Bei einem Verdienst von ungefähr 30 bis 50 Euro für einfache Tagelöhner heißt das – ein Monatseinkommen.

Dabei bleibt es aber leider nicht, denn jetzt kommt das, was ich immer den Tag der offenen Hand nenne. Zwar keine Schulgebühren, aber Schulen und Lehrer sind erfinderisch in Zusatzkosten. Fast alle verlangen eine so genannte „tuition fee“ – frei übersetzt im Grunde eine Nachhilfegebühr, auch wenn es gar keine Nachhilfe gibt oder braucht. Ich sage immer, das sind Gebühren dafür, dass der Lehrer auch tatsächlich unterrichtet. Und wer die nicht zahlt, dessen Kind wird ein Jahr lang ignoriert und dann heim geschickt. Oder dazwischen heim geschickt. Ich habe aber auch schon Kinder gesehen, die – angesprochen darauf, warum sie nicht in der Schule sind, geantwortet haben, „weil wir keinen Beitrag für die Security am Gate gebracht haben, kein Extrageld für die Strom- oder Wasserrechnung“.

Daher weiß heute jeder und jede – Schulen verlangen Gebühren. Nicht viel, da ich gerade anlässlich meines Geburtstages 20 Kindern in der Gegend Rabai den Start geschenkt habe, weiß ich, was öffentliche Schulen so im Hinterland (Rabai ist ungefähr eine Stunde von Kilifi entfernt) verlangen. Wobei in 3 Trimestern gezahlt wird, das erste ist immer das teuerste, dann wird es weniger, das dritte ist praktisch dann kaum noch etwas. Es geht offenbar nach dem Prinzip – was wir haben, das haben wir mal eingesammelt. Außer die kleinsten, da ist jedes Trimester gleich. Also – öffentliche Schulen in Rabai kosten für die Kleinen, also die PP-Klassen pro Trimester umgerechnet Euro 10,- (also gerade mal 2,50 pro Monat, denn man dividiert durch 4), ab Grade 1 dann im ersten Trimester rund 18,- (also pro Monat 4,50).

Und gerade etwas weiter weg von Kilifi, einem Schmelztiegel mit überfüllten Klassen, sind diese öffentlichen Schulen gut. Vor allem, man hat in öffentlichen Schulen immer wirklich ausgebildete Lehrer und nicht nur Mütter mit einem gefakten Zeugnis.

Der Nachteil vieler dieser Schulen, sie bieten keinen Mittagstisch und oft nur für die Kleinen  eine Porridge-Mahlzeit. Dafür werden dann nochmals rund 3 Euro pro Monat eingehoben. Aber – verglichen mit einer eventuell nicht registrierten Privatschule, die ebenfalls einiges an Gebühren einhebt, wie wir gerade wieder feststellen mussten, sind die öffentlichen Schulen deutlich besser als ihr Ruf.

Was sie nicht bieten – oder ich muss besser sagen, bisher nicht geboten haben  – viele der Extras, die Freiheit des Lernens, soll heißen, auch mal zu experimentieren, Dinge auszuprobieren, besseres und mehr Lernmaterial, kleinere Klassen. Warum Vergangenheit? Weil das neue Curriculum den Schulen eine Menge vorschreibt, darüber hatte ich ja schon mal geschrieben, von Ausflügen über Sportveranstaltungen und ganz neue Fächer. Aber – das müssen dann wieder die Eltern zahlen, sonst darf das Kind nicht dabei sein. Derzeit schätzt man, dass rund 1,2 Millionen Kinder in Kenia im Grundschulalter daher überhaupt nie zur Schule gehen.

Neben unserer Vonwald-Schule, sozusagen dem Zentrum, und der neu adoptierten Schule in Tezo sponsern wir ja viele Kinder auch in anderen Schulen. Private, öffentliche, unsere Partnerschulen und auch Secondary-Schulen mit Internat, eine bunte Mischung. Was bei uns anders ist bei diesen Kindern – wir sorgen immer dafür, dass alle zumindest einmal am Tag Essen bekommen und alle sind versichert. Und alle haben Bücher, die in diesem Fall nicht ihnen gehören, sondern die sie am Ende des Schuljahres zu uns bringen, alle gut erhaltenen werden an ein jüngeres Kind weiter gegeben. Und wenn Paten so lieb sind, gibt es auch Schuluniformen und Schuhe von uns.

In unseren beiden Schulen sind alle vorbereitet, Lehrer waren in den Ferien teilweise auf Fortbildung, es gab diese Woche schon Meetings und Planungen, der Stundenpaln steht und alles wurde repariert und schön gemacht. Es kann also losgehen.

Wünschen wir jetzt mal all unseren Kindern, die nach den langen Ferien schon ganz hibbelig sind, einen guten Start ins neue Schuljahr und allen Lehrern viel Liebe und starke Nerven.

Gabriela Vonwald